Schlagwort-Archive: Tolino

Über das Haben von Kultur

In digitalen Zeiten ist es mit dem Besitz kultureller Inhalte so eine Sache. So gibt es beispielsweise die Musik auf Tonträgern wie Vinylschallplatten, Cassetten, Compact Discs. Es gibt sie aber auch als MP3 oder in anderen Formaten auf dem Computer, dem Handy oder dem USB-Stick. Dann gibt es da noch den Stream, der durchs Radio kommt – heißt es da eigentlich auch Stream? – oder durchs Internet. Und natürlich gibt es ebenfalls noch die Musik in meinem Kopf, die ich für mich allein höre und die meist aus Stücken besteht, die ich schon einmal irgendwo konsumiert habe (und wenn ich meine Tabletten nicht regelmäßig nehme, dann wird sie immer lauter … nein, Quatsch).

Mit Literatur ist es mittlerweile auch so, ich kann sie als richtiges Buch kaufen, als digitales Manuskript oder ich lese sie im Internet.

Der Inhalt ist immer gleich, soviel steht fest. Alles andere aber ist verschieden. Oder?

In den vergangenen fast zehn Jahren habe ich kaum noch Bücher gekauft. Meine Regale sind voll und bei den letzten Umzügen habe ich feststellen können, wie schwer Literatur zu heben ist. Dennoch habe ich gelesen, nicht wahnsinnig viel, aber doch gelesen. Die Bücher kamen aus städtischen Leihbibliotheken oder man hat sie mit Freunden getauscht. Die einzigen noch klassisch eingekauften Bücher waren in dieser Zeit ausschließlich Fach- und Sachbücher, da man die ja öfter zur Hand nimmt.

Ich erinnere mich noch gut an meine späte Studienzeit. Da habe ich Bücher gekauft, was das Zeug hielt, Fachbücher und Belletristik und es war mir eine körperliche Lust, die gekauften Bücher an eine Stelle ins Regal zu stellen und dann die gelesenen Werke an die entsprechende Stelle zu den anderen einzusortieren (alphabetisch war das zumeist).

Nach dem Studium gab es in meinem Leben eine längere Zäsur (kann man das sagen, eine Zäsur ist doch eigentlich ein Punkt und keine Fläche, also ein Moment und kein Zeitraum …, na, bei mir dauerte sie fast zehn Jahre), die ich im fremdsprachigen Ausland verbrachte. Da ich zu dieser Zeit auch professionell mit Literatur zu tun hatte, und – ein wichtiger Aspekt! – nur zweimal im Jahr in Deutschland war und die Gelegenheit zum Einkauf deutschsprachiger Literatur hatte, kaufte ich auch in diesem Zeitraum wie ein Verrückter. Das galt übrigens nicht nur für Literatur, sondern auch für Musik. Ich kann mich gut daran erinnern, wie ich Stunden im Musikladen meines Vertrauens verbrachte und dann mit einer Tüte voll CDs im Wert von 300,- Euro das Geschäft verließ (überhaupt, wo sind die Läden des Vertrauens geblieben? In jenem Musikgeschäft namens Discover bekam ich einen Kaffee und mir wurde der Aschenbecher (ups, ja, das war damals so) bereitgestellt und da stand ich dann mitten im Laden mit dem Kaffee und der Zigarette und dem Kopfhörer und der Typ von dem Laden spielte mir Musik vor, die mir gefallen müsste, denn inzwischen kannte er meinen Geschmack und wusste, dass ich zweimal im Jahr vorbeikam. – Eine Buchhandlung meines Vertrauens hatte ich natürlich auch, wo es zwar weder Kaffee noch Aschenbecher gab, die Atmosphäre aber toll und die Mitarbeiter nicht nur kompetent, sondern auch sympathisch waren (der Juniorchef war dann sogar auf meiner (ersten) Hochzeit zu Gast und kam dafür die 2000 Kilometer vorbei – die letzten 300 sogar per Taxi! – So etwas können Thalia und Mediamarkt in 1000 Jahren nicht wettmachen und Amazon schon mal gar nicht, da gibt es nur Konsumartikel, kein Herz).

In diesen Zeiten gab es die Frage nach der Nachhaltigkeit meiner Einkäufe nicht oder danach, ob ich diese Bücher öfters lese. Doch langsam, langsam sickerte die digitale Zeit auch zu mir durch und zumindest Musik wurde immer öfter aus dem Internet geladen (das war in Osteuropa, da hat man das so gemacht), aus finanziellen Gründen und weil es diese Musik vor Ort gar nicht zu kaufen gab. Ich kann mich aber daran erinnern, wie ich diese Musik dann auf CDs brannte, mir leere CD-Hüllen kaufte, die Cover zu den jeweiligen Alben ausdruckte, ausschnitt und die fertigen CDs dann in mein Musikregal stellte. Dabei habe ich mich nie als Zwangsneurotiker wahrgenommen, doch wenn ich jetzt darüber nachdenke, dann frage ich mich schon, ob damals alles mit mir in Ordnung war.

Heute lebe ich wieder in Deutschland, habe freien Zugang auf jedes Produkt meiner Wahl, eine gut ausgestattete Leihbibliothek in Fußnähe und weiß gar nicht, wie ich es nun angehen soll. Fakt ist, dass ich mich über meine (alten) Schallplatten immer noch sehr freue und mit großem Vergnügen gelegentlich eine Scheibe auflege und sie mir anhöre. Denn der Konsum einer Schallplatte gestaltet sich ganz anders als der eines Streamingdienstes, soviel steht fest. Neue Schallplatten habe ich mir aber bisher keine gekauft, sondern halte es da weiterhin mit CDs. MP3-Stücke habe ich mir ebenfalls noch nie gekauft und werde das wohl auch nicht tun.

Mit den Büchern ist es so eine Sache. Wie gesagt, die Regale sind voll, trotzdem kaufe ich wieder Bücher. Das werden auf jeden Fall gedruckte sein, denn gegen den Kauf digitaler Werke sträubt sich alles in mir. Was soll ich mit einem Bücherregal im Handy oder im Notebook? Klar, der Inhalt ist gleich, aber nur das Buch in der Hand vermittelt ein bestimmtes Gefühl, nur da kann ich die Pigmentierung des Papiers betrachten oder den Duft eines neu gekauften Buches inhalieren. Auf dem Kindle oder dem Tolino sieht jedes Buch gleich aus, doch wer kann sich zum Beispiel an das feine Papier der Insel-Taschenbücher erinnern? – Und: Das schönste Möbelstück in einer Wohnung ist ein gut bestücktes Bücherregal. Menschen ohne Bücherregale waren – und sind – mir immer suspekt.

Mein Fazit: Kulturelle Produkte sind ganz klar immer mehr als nur ihr Inhalt. Die „Verpackung“ ist konstitutioneller Bestandteil. Deshalb Ehre wem Ehre gebührt, die guten und geliebten Bücher und Musiken ins Regal, als physisch erfahrbare Gegenstände. Zum Herausnehmen, zum Halten und Betrachten, zum Beschnuppern. Und – ganz wichtig – zum Verleihen oder gar zum Vererben! Alles andere, der träge dahinfließende Fluss an Fastfood-Literatur und -Musik kann gut digital auf einer Seite konsumiert und auf der anderen gleich wieder ausgeschissengeschieden

Advertisements