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Mord und Totschlag usw. … und da war noch was

Gut, dass wir hier unter uns sind und es sich um einen Blog handelt und nicht um das Feuilleton. Also auch nicht um Literaturkritik im klassischen Sinn, sondern um Literaturkritik im modernen Sinn von Web2.0, subjektiv und aus dem eigenen Nabel heraus. – Das muss zur Einstimmung genügen … (orakelte er).

Ich habe gerade zwei Bücher beendet, die sich gut verkaufen/verkauft haben und deren Verfasser mittlerweile auch bekannt und damit erfolgreich sind. Das eine heißt „Pretty Girls“ und ist von Karin Slaughter, das andere „Abgeschnitten“ von Sebastian Fitzek und Michael Tsokos.

Beide sind gut geschrieben und verdammt spannend, der Verkaufserfolg ist völlig wohlverdient. Auf den Inhalt möchte ich nicht weiter eingehen, nur soviel: Es geht um entführte und missbrauchte und ermordete Mädchen und um fiese, böse und perverse Männer. Und ein paar gute natürlich auch.

Stattdessen möchte ich darlegen, warum ich keine weiteren Bücher der beiden lesen werde, obwohl ich sehr gut unterhalten wurde und die Bücher nur schwer aus der Hand nehmen konnte, als ich mitten drin war.

Ich habe nämlich überhaupt keine Lust, über das erfundene Böse in allen erdenklichen und vorstellbaren Facetten und Nuancen zu lesen. Meist trägt zwar am Ende das Gute den Sieg davon und das Böse stirbt oder wird verhaftet, doch allein schon die detaillierte Schilderung von fiesen, gemeinen und Übelkeit erregenden Dingen ist etwas, mit dem ich nicht meine Zeit verbringen will. Es gibt genug Übles auf der Welt, da muss ich nicht noch ausgedachten Gräueltaten folgen. Ein bisschen habe ich auch den Verdacht, dass es Menschen verändert, wenn sie sich permanent mit solchen Sachen beschäftigen (womit ich nicht sagen will, dass Computerspiele zur Gewalt verleiten oder Pornofilme zur Vergewaltigung). – Es gab eine Zeit, in der ich verstärkt Horrorfilme konsumiert und mich am eigenen Schrecken erfreut habe. Bis ich schließlich auf Filme traf, in denen die Gewalt in keinen Kontext eingebettet, sondern nur aus der schlichten Freude daran exzessiv dargestellt wurde. „Hostel“ war für mich der Wendepunkt, ein Film, in dem junge amerikanische Touristen in Osteuropa entführt und gegen Geld von reichen Männern zu Tode gequält werden. Die Gesellschaftskritik war natürlich einerseits vorhanden, andererseits wirkte es wie ein Deckmäntelchen, um die reine Freude am Splatter zu kaschieren. Die späteren Folgen der „Saw“-Reihe gehen für mich in die gleiche Richtung.

Ich muss ehrlich sagen: Wenn ich die Wahl habe bei Medien, die an meine niederen Instinkte appellieren, dann schaue ich mir lieber gleich Pornofilme an. Da geht es immerhin um positive Dinge, nämlich ums „Liebemachen“.

Kein einziges Mal habe ich mich dabei ertappt, wie ich beim Lesen ein Lächeln auf dem Gesicht hatte und verträumt aus dem Fenster geschaut habe oder nachdenklich geworden bin, dass ich noch Stunden später in Gedanken dabei war.

Fitzek und Slaughter sind gute AutorInnen, gar keine Frage. Ich bin auch der festen Überzeugung, dass zum Beispiel Stephen King ein super Autor ist. Trotzdem werde ich keines seiner ziegeldicken Bücher lesen, aus einem ganz banalen Grund: Mir ist die Zeit zu kostbar. – Ich halte fast alle Filme nach Büchern von Stephen King für großartig bis fantastisch und bin mir sicher, dass die literarischen Vorlagen bestimmt noch besser sind. Trotzdem lasse ich es bei den Verfilmungen bewenden, denn 90 bis 120 Minuten sind genau die richtige Menge Zeit für perfekte Unterhaltung. 700 Seiten in einem Buch dagegen steht für einen gewaltigen Mehraufwand an Lebenszeit, und die möchte ich lieber anders verbringen.

Dass ich nicht falsch verstanden werde: Ich bin kein Vertreter des „Literatur und Kunst allgemein muss das Schöne und Wahre im Menschen, im Leben und der Welt lobpreisen und zelebrieren“, auf gar keinen Fall. Ich würde mich wohl zu Tode langweilen. Aber Mord und Totschlag und Folter und Vergewaltigung zum Zeitvertreib? Ach ne, das ist mir dann doch zu blutig und zu einseitig und zu flach und irgendwie wohl auch zu öde … – Und vor allem: Es bringt mir nix! Keinen Mehrwert, nichts zum Grübeln oder Nachdenken, zum Überdenken womöglich des eigenen Lebens und den Konzepten von Mensch und Gesellschaft und Liebe und Leben und Sterben und Sein und Haben. Aber genau das will ich! Von Literatur! Oder, wenn ich bescheiden sein will, mich wohlfühlen und Freude daran haben, auf der Welt zu sein und zu atmen und zu leben. Genau das will ich nämlich! Vom Leben!

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#jdtb16 Das Leben schreibt die besten Geschichten

Ich liebe Geschichten. Und zwar vor allem und ganz besonders nicht solche, wie die von Harry Potter oder Bilbo Beutlin (oder Tonio Kröger oder Jim Knopf), sondern solche, wie sie im Alltag geschehen und dann von manchen Menschen mit ganz besonderer Begabung auf wahnsinnig unterhaltsame Art zum Besten gegeben werden. Mein alter Kumpel U ist so jemand, der ein ganz besonderes Händchen für das richtige Timing einer Geschichte hat und sich dafür genau die richtige Zeit nimmt, um dann die Pointe effektvoll zu zünden (ich weiß noch, wie er früher an besonderen Stellen innehielt, seinen Tabak und die Blättchen nahm, sich genüsslich eine Zigarette drehte, und erst mit der Geschichte fortfuhr, wenn der erste Zug genommen und er sich wieder auf seinem aufgepolsterten Zweiersofa, auf dem er im Schneidersitz zu sitzen pflegte, ein wenig zurückgelehnt hatte.)

Wer ebenfalls über diese tolle Begabung zu verfügen scheint, dass ist der Schauspieler und Schriftsteller Joachim Meyerhoff. Auf meiner Liste stand er schon lange und das Jahr des Taschenbuchs war für mich die beste Gelegenheit, endlich den Eintrag von der Wunschliste zu löschen und mir „Wann wird es wieder so, wie es nie war“ anzuschaffen.

Es kommt nur ganz selten vor, dass ich allein und bei der Lektüre eines Buches laut lachen muss. Bei diesem Buch war es mehrmals soweit, dass ich nicht anders konnte. Die Art und Weise, wie Meyerhoff von seiner Kindheit auf dem Gelände der Kinder- und Jugendpsychiatrie in Schleswig schreibt, wo sein Vater Direkt war, ist einfach unschlagbar. Dabei steht im natürlich auch ein hervorragendes Umfeld in Form der psychiatrischen Einrichtung, dazu sein skurriler Vater und noch anderes Personal dankbar zur Seite.

Eine der schönsten Szenen ist die, wo er vom Wellensittich seines größeren Bruders berichtet. Der trägt den Namen Erwin Lindemann (Loriot?) und wird mittels Beschallung durch eine Endloscassette und dem aufgenommenen Satz: „Ich heiße Erwin Lindemann!“ dazu gebracht, schließlich diesen Satz auch selbst sprechen zu können. – Das Schicksal schlägt dann in Form der Putzfrau zu, die den Käfig öffnet und dabei vergisst, dass das Zimmerfenster ebenfalls noch offen ist. Erwin Lindemann nutzt die Gelegenheit und flüchtet, stellt aber nach wenigen Metern fest, dass er unerreichbar weit von seiner Heimat entfernt ist und bleibt in der Krone eines neben dem Haus stehenden Baums (übrigens eine Linde!) sitzen. Bruder und Autor finden in später im Baum und der Bruder befiehlt ihm: „Erwin Lindemann, komm sofort herunter!“ Der Vogel gehorcht natürlich nicht, stattdessen hört man noch stundenlang seinen Ruf von oben aus dem Baum: „Ich heiße Erwin Lindemann. Ich heiße Erwin Lindemann.“ – Man kann es fast nicht erzählen, man muss es gelesen haben (!) auf die trocken norddeutsche Art von Meyerhoff, damit die Tränen laufen (wie bei mir).

Das Buch ist sehr witzig, macht an manchen Stellen auch nachdenklich und vermittelt bei dem ganzen Alltagswahnsinn um den jungen Erzähler herum eine Lebensfreude, von der man lange zehren kann. Unbedingte Leseempfehlung!