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(#jdtb16)Ein Buch, das nicht viele Worte macht über einen, der auch nicht viel redet (und ganz toll ist, mich aber trotzdem genervt hat)

Bin ich wohl mit Leib und Seele wieder voll drauf reingefallen, auf die Naturkind-Schweiger-Raues-Leben-Romantik-Schiene. Habe es genossen, keine Frage, aber das ist ja das Perfide an diesem Genre (oder an Literatur überhaupt?): Wenn sie gut ist, dann reißt sie dich mit. Wenn du Glück hast, dann geschieht das mit Themen, die du voll und ganz unterschreibst und als für dich passend abgeheftet hast. Na, und wenn du Pech hast, dann kriegt sie dich trotzdem, doch du reibst dir nachher verwundert über den Kopf und merkst, dass du mal wieder in die Falle gelaufen bist.

Worum geht es? Robert Seethaler hat mit markanter Sprache, wenig und wohlgewählten Worten und dem richtigen Tonfall, ein Buch geschrieben, das eine Menge zufriedener Leser gefunden hat. Ich hatte das Buch eigentlich nicht auf meinem Einkaufszettel, habe es dann aus eher banalen Gründen ins Körbchen gelegt (ich mache mit bei der Jahr-des-Taschenbuchs-Challenge – #jdtb16 -, d.h. ich kaufe und lese jeden Monat ein Taschenbuch. Für den Monat Februar hatte ich mir ein etwas dickeres Buch angeschafft, bin dann aber aufgrund anderer Leseverpflichtungen nicht zur Lektüre gekommen und brauchte nun schnell ein dünnes Werk, weshalb ich auf Seethaler verfiel …).

Es geht in dem Buch „Ein ganzes Leben“ um das Leben eines einfachen Bergjungen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Er ist Pflegekind bei seinem Onkel, hat es entsprechend nicht leicht und schlägt sich mit Hilfsarbeiterdiensten durchs Leben, lernt die Liebe kennen und stirbt am Ende des Buches. Das alles geschieht auf knapp 200 dünn beschriebenen Seiten und ist eine schöne Geschichte, die man gemütlich an einem Abend wegnaschen kann.

Aber halt, wieso ist das eine schöne Geschichte? Was gefällt mir an einem schweigsamen Mann, der sich entbehrungsreich durch ein Leben in der Natur kämpft? Eigentlich finde ich doch das Leben in der Natur gar nicht so toll – außer im Urlaub mit den dazugehörigen angenehmen Seiten wie Wellness, Frühstücksbüffet und Kingsize-Bett mit Flatscreen an der gegenüberliegenden Wand. Und schweigsame Menschen muss ich auch nicht um mich haben, ganz im Gegenteil, ich will reden und zuhören und diskutieren und austauschen. Obendrein sind mir Menschen ohne Bücher im Zweifelsfall eher suspekt, denn oft sind das Menschen ohne noch eine ganze Menge anderer Eigenschaften, wie Esprit, Kultur, Meinung, Ideen oder einfach Neugierde. Und die können mir gut und gern gestohlen bleiben.

Also lieber Herr Seethaler: Das Buch ist klasse geschrieben, die Sprache ein Gedicht. Und die Geschichte hat mich auch fasziniert und gefesselt von der ersten bis zur letzten Seite. – Mein Thema ist das trotzdem nicht und ich will auch nicht zurück in die Natur und auch kein Naturbursche werden und finde das alles auch überhaupt nicht nachahmenswert und sehne mich auch nicht danach. Und: Nein, ich werde mir definitiv keinen Schrebergarten zulegen, auch wenn das derzeit alle Menschen in meinem Umfeld hier in Berlin tun! Ein Garten ist toll, wenn ich darin einen Liegestuhl und ein danebenstehendes Tischchen mit Drink und ein paar Keksen darauf und einem Stapel Bücher darunter sehe. Bitte verschont mich mit Unkrautjäten und Rasenmähen und Heckenschneiden und was-nicht-noch-alles! Ich liebe die Großstadt, das Geschwätz und alles, was ich dort finden kann, die Häuser mit ihren Kinos und Museen und Theatern und Cafés und Spelunken!

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#jdtb16 Das Leben schreibt die besten Geschichten

Ich liebe Geschichten. Und zwar vor allem und ganz besonders nicht solche, wie die von Harry Potter oder Bilbo Beutlin (oder Tonio Kröger oder Jim Knopf), sondern solche, wie sie im Alltag geschehen und dann von manchen Menschen mit ganz besonderer Begabung auf wahnsinnig unterhaltsame Art zum Besten gegeben werden. Mein alter Kumpel U ist so jemand, der ein ganz besonderes Händchen für das richtige Timing einer Geschichte hat und sich dafür genau die richtige Zeit nimmt, um dann die Pointe effektvoll zu zünden (ich weiß noch, wie er früher an besonderen Stellen innehielt, seinen Tabak und die Blättchen nahm, sich genüsslich eine Zigarette drehte, und erst mit der Geschichte fortfuhr, wenn der erste Zug genommen und er sich wieder auf seinem aufgepolsterten Zweiersofa, auf dem er im Schneidersitz zu sitzen pflegte, ein wenig zurückgelehnt hatte.)

Wer ebenfalls über diese tolle Begabung zu verfügen scheint, dass ist der Schauspieler und Schriftsteller Joachim Meyerhoff. Auf meiner Liste stand er schon lange und das Jahr des Taschenbuchs war für mich die beste Gelegenheit, endlich den Eintrag von der Wunschliste zu löschen und mir „Wann wird es wieder so, wie es nie war“ anzuschaffen.

Es kommt nur ganz selten vor, dass ich allein und bei der Lektüre eines Buches laut lachen muss. Bei diesem Buch war es mehrmals soweit, dass ich nicht anders konnte. Die Art und Weise, wie Meyerhoff von seiner Kindheit auf dem Gelände der Kinder- und Jugendpsychiatrie in Schleswig schreibt, wo sein Vater Direkt war, ist einfach unschlagbar. Dabei steht im natürlich auch ein hervorragendes Umfeld in Form der psychiatrischen Einrichtung, dazu sein skurriler Vater und noch anderes Personal dankbar zur Seite.

Eine der schönsten Szenen ist die, wo er vom Wellensittich seines größeren Bruders berichtet. Der trägt den Namen Erwin Lindemann (Loriot?) und wird mittels Beschallung durch eine Endloscassette und dem aufgenommenen Satz: „Ich heiße Erwin Lindemann!“ dazu gebracht, schließlich diesen Satz auch selbst sprechen zu können. – Das Schicksal schlägt dann in Form der Putzfrau zu, die den Käfig öffnet und dabei vergisst, dass das Zimmerfenster ebenfalls noch offen ist. Erwin Lindemann nutzt die Gelegenheit und flüchtet, stellt aber nach wenigen Metern fest, dass er unerreichbar weit von seiner Heimat entfernt ist und bleibt in der Krone eines neben dem Haus stehenden Baums (übrigens eine Linde!) sitzen. Bruder und Autor finden in später im Baum und der Bruder befiehlt ihm: „Erwin Lindemann, komm sofort herunter!“ Der Vogel gehorcht natürlich nicht, stattdessen hört man noch stundenlang seinen Ruf von oben aus dem Baum: „Ich heiße Erwin Lindemann. Ich heiße Erwin Lindemann.“ – Man kann es fast nicht erzählen, man muss es gelesen haben (!) auf die trocken norddeutsche Art von Meyerhoff, damit die Tränen laufen (wie bei mir).

Das Buch ist sehr witzig, macht an manchen Stellen auch nachdenklich und vermittelt bei dem ganzen Alltagswahnsinn um den jungen Erzähler herum eine Lebensfreude, von der man lange zehren kann. Unbedingte Leseempfehlung!