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Apokalyptische Landschaften und 1 Lichtblick: das Leben des Mannes (#buchpreis)

Hm, hätte ich es mal nicht bis zum Ende gelesen. Heute Morgen wusste ich noch genau, was ich schreiben wollte, denn der Fall war im Grunde klar. Jetzt aber, nachdem ich die letzte Seite umgeblättert und das Buch beendet habe, jetzt haben sich die Dinge auf einmal geändert und ich bin zutiefst verunsichert.

Michael Kumpfmüller hat eine leichte, eine angenehme Art, die Dinge zu beschreiben, über die er spricht. So hat mir Hampels Fluchten schon sehr gut gefallen und beim Anfang der Erziehung des Mannes hatte mich sein Flow gleich wieder in den Bann gezogen.

Bloß befand ich mich jetzt nicht in einer erotischen Schelmengeschichte, sondern im finstersten Alltagsleid des Protagonisten, des Mannes, der erzählt und leidet: an seinem Vater zuallererst, aber dann auch an den unterschiedlichsten Frauen, die ihn länger begleiten, auch seine Mutter. Doch in erster Linie sind es die Frauen seiner Beziehungs- und Liebesbiographie, an denen er sich sein ganzes Leben – aka vorliegendes Buch – abarbeitet, sich abrichten lässt, eigene Wünsche und Verlangen hintanstellt, ignoriert oder leugnet. Und es trotzdem niemals richtigmacht.

Ich habe mich gequält durch diese Geschichte eines Mannes, bei dem in zwischenmenschlicher Hinsicht irgendwie alles schiefläuft und mich mehr als einmal frustriert und traurig gemacht hat. Wäre nicht die Leichtigkeit der Sprache und des Schreibens gewesen, ich hätte es mir nicht bis zum Ende angetan und das Buch viel früher in die Ecke geworfen.

Habe ich aber nicht und bin sehr froh darüber. Im letzten Abschnitt des dreigeteilten Buches geht nämlich die Sonne auf, der Protagonist kommt zur Ruhe, findet seinen Frieden mit den drei Kindern, beginnt eine Beziehung mit seiner ersten Liebe – zum ersten Mal eine durchgängig respektvolle, auf gegenseitiger Wertschätzung beruhende Beziehung zweier ebenbürtiger Menschen – und kommt zu dem Schluss, dass seine Erziehung wohl jetzt abgeschlossen sei. Übrigens, da ist er schon fast siebzig, als er diese Erkenntnis äußert. Und dem Titel des Buches seinen Sinn und seine Bedeutung gibt.

Vorher habe ich mir mehrfach die Frage genau danach gestellt, ob es um den Mann als solchen geht, dieser hier stellvertretend für das Geschlecht auf der Suche nach selbst den Leidensweg entlangzuwandern hat, oder ob es einfach eine Geschichte über einen Mann ist.

Doch dieser Mann hat offenbar Modellcharakter, er ist der moderne, der verständnisvolle, der passive, der zurücksteckende Mann, der das Tier in sich nur noch leise schnurren hört (und der sich wundert, wenn eine der Freundinnen auf seine Frage nach körperlicher Liebe im Nachhinein meint, dass er sie sich vielleicht einfach hätte nehmen sollen).

Offenbar kommt keines der beiden Geschlechter so richtig mit dem neuen, dem rollenflexiblen Dasein zurecht, doch das Leiden scheint stärker bei den zahn- und mutlosen Männchen zu sein.

Schöne Momente, Augenblicke der Heiterkeit tauchen im Leben des Helden keine auf. Die einzigen Lichtblicke sind kurze Begegnungen mit – na klar, was sonst – Frauen, zu denen es jedoch keine tieferen, längeren, intensiveren Beziehungen gibt, aus welchen Gründen auch immer. Die anderen Frauen, mit denen er Kinder hat oder viel Zeit verbringt (gemeinsames Wohnen etc.), das sind die Mühlsteine um seinen Hals, während er durchs Leben schwimmt.

Doch das Ende – wie gesagt, das Ende ist versöhnlich, das Ende ist gut. Und da wusste ich auch, warum dieser Titel auf der Longlist steht. Während der letzten dreißig Seiten wurde das Bild klar, das Herz weit, die Hoffnung gestärkt. Davor war alles finster und elend.