Alltag is King – oder: Frank, der König der Banalität

(Achtung: Mäandermodus!)

Ich liebe es, fiktionale Figuren über mehrere Werke hinweg zu begleiten (genauso, wie ich es übrigens auch liebe, reale Figuren/Personen über mehrere Jahre und Jahrzehnte hinweg zu begleiten: Schulfreunde und Arbeitskollegen, ehemalige Partnerinnen und Bekannte. Klappt nicht immer, geht auch nicht immer gut aus, ist mir trotzdem wichtig). Das begann wahrscheinlich mit den Kinderbüchern von Enid Blyton und den Drei Fragezeichen und setzte sich in meinem Erwachsenenleben fort mit dem großartigen Film „Die letzte Vorstellung“ von Peter Bogdanovich, der in den 50er Jahren spielt und seiner Fortsetzung „Texasville“ in den frühen 80ern mit denselben Darstellern (unter anderem den fantastischen.

Also war es nur logisch, endlich ein Buch von Richard Ford zu lesen, der mittlerweile schon vier Bände über den/seinen Antihelden Frank Bascombe verfasst hat.

Frisch auf dem Buchmarkt ist derzeit „Frank“. Ich habe mich aber für „Unabhängigkeitstag“ entschieden, weil es das als Taschenbuch gibt und weil Frank da ungefähr so alt ist, wie ich es jetzt bin (gibt es einen Grund, der noch bescheuerter sein kann, um ein Buch zu lesen? (Hm, keine Ahnung, aber erinnert mich an die Schulfreundin, die nur noch Bücher von Autorinnen las, da diese ihrer Weltsicht eher entsprachen und ihr mehr zusagten. Fand ich schon damals schräg, denn ist es nicht spannender, eben aus einer anderen Perspektive zu sehen und wahrzunehmen)). Wie ich erst jetzt feststelle, hat er für dieses Buch auch den Pulitzerpreis erhalten (und ich bin ein ignorantes Arschloch …, dass ich das nicht gewusst habe).

Um ein Haar hätte ich das Buch nach 150 Seiten weggelegt (wie übrigens auch den letztjährigen (2015) Preisträger des Deutschen Buchpreises (upps!), bin dann aber doch drangeblieben und habe irgendwann begonnen, den Flow des Buches aufzunehmen und mich davontragen zu lassen. Das Problem bei solchen Flow-Erfahrungen ist häufig, dass man sich hinterher an nichts erinnern kann. Ganz so schlimm ist es nicht, doch ich muss die Existenz gewisser Lücken anerkennen und eingestehen.

Frank ist 44, Immobilienmakler aus schicksalshaften Gründen, geschieden und im Haus seiner Exfrau wohnend und verbringt mit seinem Sohn (15) ein paar Tage Anfang Juli auf einer kurzen Tour zu Sportgedenkstätten (sagt man so zur Baseball Hall of Fame oder zur Basketball Hall of Fame). Irgendwie ist alles ganz schrecklich belanglos und völlig ohne jede Spannung. Doch Franks lakonische Sicht auf die Dinge und sein ebenso lakonischer Umgang mit dem Leben und seinen Unwägbarkeiten haben mir von Seite zu Seite besser gefallen.

Einmal musste ich sogar lachen! Frank ist mit Paul, dem Sohn, auf dem Gelände der Baseball Hall of Fame und es gibt dort Käfige, wo mit unterschiedlichen Wurfgeschwindigkeiten das Abschlagen simuliert wird. Frank will seinem eher antriebs- und lustlosen Sohn zeigen, was ein ganzer Kerl ist und geht in einen der Käfige, nimmt sich den bereitliegenden Schläger und stellt sich in Position. Während er da steht und die richtige Haltung einnimmt, hört er: „Nun guck dir das Arschloch an.“

Was mich allerdings ständig aus dem Flow der Geschichte – hm, kann man gar nicht so sagen, denn Handlung oder Geschichte gab es eigentlich sehr wenig – gerissen hatte, dass waren die Anrufe Franks von öffentlichen Münzfernsprechern, um seinen Anrufbeantworter abzuhören. Das Buch spielt 1988 und genau in diesen Momenten merkt man es (es gibt noch mehr, z.B. der amerikanische Wahlkampf und Musik, die gehört wird, doch nichts ist so verwirrend wie die Verwendung antiquierter Technologien. Wahrscheinlich noch irritierender als die Frisuren und Kleidung von Verwandten auf Bildern aus den 70-er Jahren bzw. Spielfilme aus der Zeit.).

Und irgendwann merkt man dann auch, dass Frank eigentlich eine richtig coole Socke ist, den im Grunde nichts umhaut (außer vielleicht ein kräftig geworfener Baseball), denn mit seiner fatalistischen Grundhaltung pariert er jeden Schicksalsschlag mit einem Schulterzucken (hm, da gab es neulich eine Diskussion unter Übersetzern und Textern, ob denn der Ausdruck Achselzucken zu verantworten sei, schließlich seien es doch die Schultern …). Und alle Lebenskatastrophen haben zwar manchmal Auswirkungen (Scheidung, Wohnungswechsel, Tod), ändern aber am großen Flow nicht wirklich etwas.

Das gilt wahrscheinlich in den USA der 80er Jahre genauso wie im Deutschland des zweiten Jahrzehnts im dritten Jahrtausend. Oder?

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Refugees … hm, wie war das?

Das Mädchen ist gerade fünf Jahre alt, als sie an der Hand ihrer Mutter in Deutschland ankommt. Ihr kleiner Bruder ist auf der Flucht verstorben und zurückgeblieben. Bei ihrer Ankunft werden sie nicht mit offenen Armen empfangen, sondern als Fremde beschimpft. Unterstützung – ein Dach über dem Kopf und etwas zu Essen – erhalten sie nur wenig und widerwillig.

Das ist der Anfang des bereits schon länger auf der Bestenliste stehenden Buches „Altes Land“ von Dörte Hansen. Die Handlung beginnt übrigens im Jahre 1945, habe ich das erwähnt? Und das Mädchen kommt mit ihrer Mutter aus Ostpreußen, von wo sie vor der Roten Armee geflüchtet ist, wie viele andere. Wäre das Buch vor ein paar Jahren (sagen wir zwei) erschienen und gelesen worden, dann wäre es wahrscheinlich um eine Rezeptionsseite ärmer dahergekommen. Es wäre eine Geschichte über die verlorene Generation der Flüchtlingskinder, die nach abenteuerlicher und teilweise mörderischer Flucht aus den ehemals deutschen Ostgebieten schwer traumatisiert im Westen angekommen ihr ganzes Leben mit dieser Bürde im Herzen und der Seele verbracht haben.

Zugleich wäre es auch die Geschichte der Aneignung von neuer Heimat, des Sich-zu-eigen-Machens der Gegend, in die man durch die Flucht gelangt ist. Und zuletzt wäre es auch das Porträt einer typisch norddeutschen Kulturlandschaft und seiner Menschen und Traditionen, hier die Altes Land genannte Region bei Hamburg. Damit ist Dörte Hansen ein faszinierender Roman gelungen, der neben dem Lebensschicksal des Flüchtlingskindes Vera durch geschickte Verknüpfung auch einen nicht ganz ironiefreien Blick auf die modernen Probleme junger Frauen wirft am Beispiel von Anne, Veras Nichte, die nach der Trennung vom Vater ihres Kindes die Vollwert-Behaglichkeit von Hamburg-Ottensen verlässt und aufs Land ins alte Haus zu ihrer Tante zieht.

Weil das Buch aber im Jahre des großen Flüchtlingsstroms 2015 geschrieben und jetzt gelesen wird, handelt es auch immer von Flucht und Vertreibung, von der Not der Entwurzelten und dem Widerstand – oder zumindest Widerwillen – der Ansässigen, der Eingesessenen. Da gibt es wieder die verwundeten Seelen, die Kinderaugen, die Entsetzliches gesehen haben, die Hungernden und die, die alles verloren haben außer dem, was sie am Leibe tragen. Von Sprache und Kultur, von Tradition und Überliefertem ganz zu schweigen. Und es gibt wieder die anderen, die ihre Türen verschließen und die Arme über ihr Hab und Gut ausbreiten und sich dem Mitleid widersetzen. Dabei sind viele von ihnen auch Kinder und Kindeskinder von Geflüchteten, von Heimatlosen, doch wie schnell vergisst man das eigene Elend, wenn es weit genug zurückliegt und da jemand kommt, der auf einmal auch ein Stückchen von dem Kuchen will.

Ein nachdenklich machendes Buch, das vieles in sich vereint und neben einem Stück deutscher Geschichte auch einen Blick auf die deutsche Gegenwart wirft.

Der Mittelpunkt der Welt: Ich

Die ganze Welt dreht sich um mich, ich stehe im Zentrum des Geschehens. Immer, egal was passiert. Und für mich existiert eigentlich auch nur das, was ich wahrnehme, also sehe und höre – und erfahre. Dabei ist der Egozentrismus in des Wortes eigentlicher Bedeutung eine ganz normale und selbstverständliche Sicht auf das Leben und die Dinge, eine andere hat man schließlich (zunächst einmal) nicht. Das Hineinversetzen in andere Menschen und mögliche Nachvollziehen ihrer Beweggründe und Handlungen ist möglich, aber nicht von Natur aus gegeben – und offenbar auch nicht jedem.

Benny ist sechzehn und ins Koma gefallen. Seine Angehörigen, Freunde und Bekannten kommen ins Krankenhaus, um sich nach ihm zu erkundigen. Sie reden mit ihm, weil das angeblich seinen Zustand verbessert, halten seine Hand und verbringen Zeit an seinem Krankenbett. Steht Benny mit seinem Zustand anfangs noch im Mittelpunkt des Geschehens, so rückt er bald immer stärker in den Hintergrund und die vielfältigen Beziehungsstränge der Menschen in seinem Leben bestimmen das Bild. Seine getrennt lebenden Eltern und ihre neuen Partner und deren alte Lebensgefährten, die Großeltern, Onkels und Tanten, die Lebensgeschichten setzen sich fort und erfahren zum Teil dramatische Veränderungen und Wendungen. Und so verändert sich auch unser Bild von den einzelnen Personen. Waren sie zunächst definiert durch ihr Verhältnis zum komatösen Benny – und waren damit nur das, was sie für ihn darstellten, also Mutter oder Großvater etc. -, so werden sie schließlich zu vielschichtigen Wesen mit bunten Beweggründen, Wünschen und Absichten.

Und zu Benny heißt es dann nur noch: „Irgendwas Neues?“ – Aber Benny kann es auch egal sein, er liegt schließlich im Koma. Wenn zu Beginn noch alle Alltagssorgen banal und blass gegenüber der Schwere seiner Situation erscheinen, so dreht sich auch hier die Wahrnehmung und das einzig Stabile ist auf einmal nur noch der Komapatient in einer Welt, die von brüchigen – und zerbrechenden – Beziehungen, Lügen und falschen Eitelkeiten bestimmt wird. Würde Benny jetzt aufwachen, dann würde er anfangs sicher Schwierigkeiten haben mit der Welt um ihn herum, die nicht mehr die alte ist. Aber wird er wach?

Eine grandiose Idee, die der Autor Bernd Schroeder in seinem Buch „Wir sind doch alle da“ auf knapp 180 Seiten vor dem Leser entwickelt und ihm dabei auch die Vielschichtigkeit des ganz normalen Lebens vor Augen führt.

Und wenn ich auch der Mittelpunkt der Welt bin und bleibe – na klar, wer sonst? -, so muss ich doch erkennen, dass das für alle anderen ebenso gilt … und die Welt damit doch etwas komplexer ist, als man annimmt.

Schon wieder Strichstrich Frauenliteratur Strichstrich? Und sagt man wirklich Fifty Shades für Anfänger …

Die eine wichtige Frage muss gleich zu anfangs einmal gestellt werden: Ist nicht im Grunde jede Literatur Frauenliteratur? Schließlich waren es doch immer Frauen, die lasen. Und zwar immer in signifikant höherer Zahl als Männer. Und selbst heute, im Science-Fiction-Zeitalter des 21. Jahrhunderts sind die Seminarsäle aller philologischen Fakultäten in überwiegender Mehrzahl von weiblichem Personal bevölkert. – Wenn es also zwar auf der einen Seite eine ganze Menge Männer gibt, nämlich bei den Produzenten von Literatur, den Schriftstellern – wobei das wahrscheinlich auch noch relativiert werden muss, wenn man genau nachdenkt und der Theorie der HIStory vertraut, so ist doch auf der Empfänger-/der Rezipientenseite ein eindeutiger Überhang der Doppel-X-Chromosomträgerinnen auszumachen. Man könnte also sagen, dass Literatur zu allererst und vor allem für Frauen geschrieben wird, es sich also immer um Frauenliteratur handelt.

Wenn damit die Logik nachvollziehbarer Überlegungen (mal wieder) ganz auf meiner Seite ist, so bin ich doch zugleich ein wenig unglücklich, denn dorthin wollte ich eigentlich nicht. Sondern zurück in die 80er Jahre und zu meiner bereits an anderer Stelle geäußerten Feststellung, dass die Frauenliteratur auch nicht mehr das ist, was sie mal war. Es wird nicht mehr reflektiert über die Gesellschaft und vor allem über Rollenverhalten und -zuschreibungen und ihre Verhältnisse mit- und zueinander. Oh, wie habe ich diese Bücher damals mit Heißhunger verschlungen und dabei den Eindruck gehabt, so einiges zu erfahren und zu lernen über das unbekannte Wesen Frau (oder Mädchen).

Heute lernt man in der Frauenliteratur, dass brave und anständige Frauen alle auf wilde und böse Jungs stehen oder zumindest auf Draufgänger, die sich nehmen, was sie wollen (und die Frauen offenbar auch). Sei nur nicht der Frauenversteher oder Freund, denn dann kannst du zwar mit Frauen Liebesfilme gucken und Einkaufen gehen, aber wechselseitig die Leiber zum Ver- und die Herzen zum Schmelzen bringen lassen andere.

Einmal ist es die junge Studentin und der erfolgreiche Geschäftsmann Grey – eigentlich ja schon fast der Übermensch von einem Mann, der mit so vielen Erfolgsklischees behaftet ist, dass es schon fast nicht mehr schön ist. Und jetzt ist es die biedere Collegestudentin und der verwegene ausländische (!) Student mit Tattoos und Piercing, der im Unterschied zu dem langjährigen Freund das Herz der jungen Tessa („nenn mich nicht Theresa!“) hüpfen lässt.

Das Buch ist unterhaltsam, ohne Verlangen nach hochliterarischen Ansprüchen flüssig geschrieben und mit einer nett dahinfließenden Story versehen. Damit ist es in meinen Augen sogar besser als die berühmten 50 Shades (von denen ich allerdings nur den ersten Teil gelesen habe). Angesichts des Umfangs und der Anzahl der Fortsetzungen habe ich nach knapp 250 Seiten aber die Lektüre beendet, denn es gibt nichts, was ich noch zu bekommen erwarte, was ich nicht bereits in der ersten Hälfte des ersten Bandes erhalten habe. Okay, womöglich wird die Protagonistin im Verlauf dieses ersten Bandes noch ihre Unschuld verlieren, was ich ihr von Herzen gönne, doch so richtig interessieren tut es mich nicht. – Womöglich aber wird auch dies nicht ohne Hindernisse vor sich gehen, wie es auch bei ihrem ersten Cunnilingus nicht direkt klappt (sie soll ihm sagen, dass sie von ihm geleckt werden will … – was sie natürlich nicht tut, und was er sich eigentlich auch hätte denken können, aber das ist ein anderes Thema).

Was mich nachdenklich macht, das ist die Frage, woher diese Faszination kommt, die brave Mädchen für „böse“ Jungs empfinden? Warum möchte man sich nicht dem Freund hingeben, der einen versteht, der verständnisvoll und lieb ist? Weil er zu vertraut ist? Weil man zuviel über einander weiß? Weil man zu seinem Glück gezwungen werden muss?

Zu dem Zeitpunkt, als ich mir nichts sehnlicher als eine Freundin gewünscht hatte, ein Mädchen, das ich küssen und mit dem ich schmusen und Sex und all das haben kann, zu dem Zeitpunkt war ich wohl wie der Noah aus der Geschichte, der Versteher, der Vertraute, und nicht derjenige, von dem man träumt und mit dem man die Kissen durchwühlt. Der Verhaltensauffällige, der Böse, der jeden vor den Kopf stößt und mit sich und der Welt nicht im Reinen ist. Und die Mädchen wandten sich lieber den Älteren zu, den Wilden und Unbekannten … – … zu dem ich später wurde, in einer anderen Zeit.

Zurück zum Thema und Schluss mit dem Dampfgeplaudere. Fazit zum Buch: Nette Liebesgeschichte, gut zu lesen, aber wirklich lang und nur für diejenigen, die viel Zeit für sowas haben (weil sie vielleicht noch zu jung sind für das echte Leben). Was ich vergaß zu erwähnen: Das Buch heißt „After Passion“ und ist von Anna Todd und verkauft sich richtig gut, war auch in der Jahresbestenliste bei den Lovelybooks.

Alle gegen alle – perfide Opfer und wehrlose Täter

Und wieder tauche ich in fremde Gefilde und versuche mich an Bestsellertiteln des vergangenen Jahres. Damit möchte ich den eigenen Horizont erweitern – denn so lese ich Bücher, die ich nicht spontan ins Einkaufskörbchen gelegt hätte – und sehen und verstehen, was gefällt. Mit großer Begeisterung nämlich habe bemerkt, dass Deutschland liest, und zwar gewaltig und viel. Allerdings nicht unbedingt das, was im germanistischen Proseminar behandelt wird. – Wahrscheinlich war dem schon immer so – zu Goethes Zeiten hat man auch nicht unbedingt Goethe gelesen -, doch ich kenne so wenig davon und möchte nicht mit erhobener Nase an guten Büchern vorbeiziehen. Denn die Ignoranz des Gebildeten – oder Ein-Gebildeten – ist mindestens genauso schrecklich wie die Ignoranz des Ungebildeten, eigentlich sogar schlimmer. – Deshalb auf zu neuen Ufern, keine Angst vor Krimis, Liebesromanen und allem, was das Herz begehrt (und es vielleicht noch nicht wusste!).

Das ist ein bisschen auch Kontrastprogramm zu den Longlist-Titeln des Deutschen Buchpreises, die von Fachleuten zusammengestellt werden und gewissen „Ansprüchen“ genügen. Und die manchmal schwierig, manchmal anspruchsvoll und manchmal auch einfach nur öde sind. Hier aber entscheiden die LeserInnen und die Verkaufszahlen. Als Stichwortgeber und Orientierungshilfe nutze ich die Jahresbestenliste von Lovelybooks, zusammengestellt und ausgewählt von Leserinnen und Lesern. Was würde sich besser eignen?

Nach etwas enttäuschenden ersten Begegnungen mit AutorInnen, die erfolgreiche Bücher geschrieben haben (Jussi Adler Olsen und Ursula Poznanski) habe ich jetzt „Girl on the Train“ von Paula Hawkins gelesen. Das Buch hat den zweiten Platz bei der Leserbestenliste in der Kategorie Krimi/Thriller bekommen. Und ich muss sagen: Ich wurde bestens unterhalten. Ohne schlechten Beigeschmack oder ein schlechtes Gewissen …

Paula Hawkins versteht ihr Handwerk. Eine Story mit drei Ich-Erzählerinnen im Wechsel, den drei Protagonistinnen der Handlung. Die Titelheldin Rachel, die täglich mit dem Zug an einer Reihenhaussiedlung vorbeifährt, in der zwei Häuser ihre volle Aufmerksamkeit haben: das eine mit ihrem Ex und seiner Neuen – Ich-Erzählerin Nummer Zwei – und daneben ein identisches Haus mit einem Pärchen, das von Rachel zum Ideal stilisiert wird und dessen weiblicher Part die dritte Ich-Erzählerin ist.

Man lernt schnell, dass Rachel eine Menge Probleme hat, wobei der Alkohol und seine Folgen wahrscheinlich das größte ist. Durch die Ich-Perspektive fühlt man mit ihr und kann ihr Verhalten als Folge der Trennung von ihrer großen Liebe recht gut nachvollziehen. Mit dem Wechsel in die anderen Ich-Perspektiven und damit in die Wahrnehmung der anderen Beteiligten sieht man die Dinge aber auch von den anderen Seiten. Und da werden die zunächst klaren Zuschreibungen von Opfer und Täter auf einmal brüchig und verschwimmen vor den Augen.– Das ist fast wie im wirklichen Leben, wo es auch nicht immer so einfach zugeht.

Spannend an diesem Buch sind auch die Facetten der Geschlechterverhältnisse: Frauen als Konkurrentinnen und Frauen, die einander unterstützen, Frauen, die für einen Mann alles tun und Frauen, die Männer hintergehen. – Dabei scheinen es vor allem die Frauen zu sein, die handeln und die Männer, die scheinbar nur reagieren auf das Verhalten der Frauen (und sich damit auch gut herausreden können).

Das Buch ist auf jeden Fall mehr als nur ein Krimi, sondern vermag auch Einblicke in die Seelenlage der Handelnden zu geben, die allerdings nicht übermäßig facettenreich ausgearbeitet sind. Dabei ist es leichter Lesestoff mit spannendem Plot in einem gut konstruierten Roman, der nicht übermäßig an den Nerven des Lesers zerrt, ihn aber doch mitnimmt und neugierig macht auf den Verlauf und das Ende. – Kurz: Gute Story, gute Unterhaltung.

#dbp2015 (3) Frauenliteratur? Frauenliteratur!

Im Rahmen meiner alljährlichen persönlichen Buchpreis-Longlist-Challenge traf ich auf ein weiteres Buch, das mir sehr gut gefallen hat, das ich aber ohne diese Challenge wahrscheinlich nicht mal in die Hand genommen hätte … Die Rede ist von Anke Stelling und „Bodentiefe Fenster“.

Und mit Beginn des Buchs war ich sofort drin in der Welt der Protagonistin, Anfang Vierzig, Mutter, in einem Mehrgenerationenhaus mitten in Prenzlauer Berg. Sie ist Teil dieses Universums und steht doch daneben, was ihr die Gelegenheit gibt, alle Vorkommnisse auf das Böseste zu kommentieren. Dabei hat sie oft recht, wenn sie mit ihrem Skalpell die zwischenmenschlichen Begegnungen seziert, die Regeln und Vorsätze, die so dann doch alle nicht richtig funktionieren. Das ist oft übertrieben und betont zynisch, was es damit auch gleich wieder ein Stück aus der Realität hebt und Gelegenheit zum Lachen gibt, ohne dass man sich ein schlechtes Gewissen einstellt.

Schließlich ist man selbst auch ein Teil dieses Systems und würde viele Dinge genauso machen (oder tut es sogar), denn irgendwo ist doch der Prenzlberger Mikrokosmos ein Stück des erträumten Paradieses von uns allen, oder?

Ich hatte auf jeden Fall eine Menge Spaß und konnte Auszüge des Buchs direkt verwerten zur Kommentierung des Verhaltens einiger Eltern in unserer Eltern-Initiativ-Kita (ja, ich wohne auch in Berlin, allerdings im wilden Wedding …). Würde das Buch also auf jeden Fall weiterempfehlen, auch für männliche Leser (der ich selber auch einer bin).

Das Buch bot mir daneben aber noch Anlass, ein wenig über den Buchrand hinauszublicken. Die Lektüre hat mich nämlich anfangs stark an ein anderes Buch erinnert, das ich vor langer langer Zeit und in einem ganz anderen Leben gelesen habe. Die Rede ist von Svende Merian und „Der Tod des Märchenprinzen“ und es war Anfang der Achtziger Jahre, als ich es gelesen habe. Da ging es um eine junge Frau, die über eine Kontaktanzeige einen Mann kennenlernt („Arne“), der anfangs total nett und toll ist und dann doch nicht so, wie sie es sich gedacht hatte, vor allem in feministischer und emanzipatorischer Hinsicht nicht.

Das Buch war damals Tagesgespräch und überdies Teil der sogenannten „Frauenliteratur“, zu der verschiedene andere Titel gehörten (neben den Werken von Simone de Beauvoir zum Beispiel Verena Stefan und „Häutungen“ oder Gerd Brandenbergs „Die Töchter Egalias“). Bei diesen Büchern ging es sehr stark um das Verhältnis der Geschlechter zueinander und dabei vor allem um die weibliche Sichtweise auf die Dinge. Wie gesagt, das waren die frühen Achtziger.

Das Buch von Anke Stelling hat mich ein Stück an diese Literatur erinnert, obwohl sie etwas hat, was den damaligen Autorinnen irgendwie fehlte: Humor und Witz. Damals ging es meistens todernst zur Sache, ohne jede befreiende Leichtigkeit. Womöglich war die Zeit – oder die Verhältnisse – einfach so gestaltet, dass dafür kein Platz war.

Mit Schrecken stelle ich jetzt aber fest, dass der Terminus „Frauenliteratur“ inzwischen eine ganz andere Bedeutung bekommen hat. Denn im 21. Jahrhundert handelt es sich bei Frauenliteratur nicht mehr um intellektuell anspruchsvolle und gesellschaftskritische Texte, sondern ganz im Gegenteil vor allem um das, was früher mal Liebesromane hieß. Damit also Texte, die tief in die Klischeekiste greifen und Männer und Frauen auf ihre traditionellen Rollenpositionen verweisen: Die schöne, aber unsichere und schüchterne oder vom Leben gebeutelte Frau trifft den erfolgreichen und gutaussehenden Alphamann und fällt ihm gegen Ende des Buchs zitternd vor Erregung in die starken Arme. Ende.

Was soll der Scheiß? Wo bleibt der kritische Blick, das Nachdenken in der Literatur? Brauchen wir das nicht mehr oder findet die Diskussion woanders statt? Oder wollen wir diese Diskussion nicht, weil wir gemerkt haben, dass Frauen zum Kochen und Männer zum Bestimmen gemacht sind? Ist Charlotte Roche die einzige Aufrechte geblieben, die mit Achselhaar und mit Nacktem-Arsch-über-die-öffentliche-Toilettenbrille-rutschen die Selbstbestimmung der Frau erkämpft? – Und ist das ein gutes Zeichen oder ist das eher der Beweis für das mancherorts heraufbeschworene Rollback der Verhältnisse? Ich kann zumindest sagen, dass es beim Einkleiden meiner ersten Tochter vor 25 Jahren mehr Alternativen als rosa und blau gab und dass ich beim Spielzeugkauf nicht in die Mädchenecke musste, da es sie noch gar nicht gab …

#jdtb16 Das Leben schreibt die besten Geschichten

Ich liebe Geschichten. Und zwar vor allem und ganz besonders nicht solche, wie die von Harry Potter oder Bilbo Beutlin (oder Tonio Kröger oder Jim Knopf), sondern solche, wie sie im Alltag geschehen und dann von manchen Menschen mit ganz besonderer Begabung auf wahnsinnig unterhaltsame Art zum Besten gegeben werden. Mein alter Kumpel U ist so jemand, der ein ganz besonderes Händchen für das richtige Timing einer Geschichte hat und sich dafür genau die richtige Zeit nimmt, um dann die Pointe effektvoll zu zünden (ich weiß noch, wie er früher an besonderen Stellen innehielt, seinen Tabak und die Blättchen nahm, sich genüsslich eine Zigarette drehte, und erst mit der Geschichte fortfuhr, wenn der erste Zug genommen und er sich wieder auf seinem aufgepolsterten Zweiersofa, auf dem er im Schneidersitz zu sitzen pflegte, ein wenig zurückgelehnt hatte.)

Wer ebenfalls über diese tolle Begabung zu verfügen scheint, dass ist der Schauspieler und Schriftsteller Joachim Meyerhoff. Auf meiner Liste stand er schon lange und das Jahr des Taschenbuchs war für mich die beste Gelegenheit, endlich den Eintrag von der Wunschliste zu löschen und mir „Wann wird es wieder so, wie es nie war“ anzuschaffen.

Es kommt nur ganz selten vor, dass ich allein und bei der Lektüre eines Buches laut lachen muss. Bei diesem Buch war es mehrmals soweit, dass ich nicht anders konnte. Die Art und Weise, wie Meyerhoff von seiner Kindheit auf dem Gelände der Kinder- und Jugendpsychiatrie in Schleswig schreibt, wo sein Vater Direkt war, ist einfach unschlagbar. Dabei steht im natürlich auch ein hervorragendes Umfeld in Form der psychiatrischen Einrichtung, dazu sein skurriler Vater und noch anderes Personal dankbar zur Seite.

Eine der schönsten Szenen ist die, wo er vom Wellensittich seines größeren Bruders berichtet. Der trägt den Namen Erwin Lindemann (Loriot?) und wird mittels Beschallung durch eine Endloscassette und dem aufgenommenen Satz: „Ich heiße Erwin Lindemann!“ dazu gebracht, schließlich diesen Satz auch selbst sprechen zu können. – Das Schicksal schlägt dann in Form der Putzfrau zu, die den Käfig öffnet und dabei vergisst, dass das Zimmerfenster ebenfalls noch offen ist. Erwin Lindemann nutzt die Gelegenheit und flüchtet, stellt aber nach wenigen Metern fest, dass er unerreichbar weit von seiner Heimat entfernt ist und bleibt in der Krone eines neben dem Haus stehenden Baums (übrigens eine Linde!) sitzen. Bruder und Autor finden in später im Baum und der Bruder befiehlt ihm: „Erwin Lindemann, komm sofort herunter!“ Der Vogel gehorcht natürlich nicht, stattdessen hört man noch stundenlang seinen Ruf von oben aus dem Baum: „Ich heiße Erwin Lindemann. Ich heiße Erwin Lindemann.“ – Man kann es fast nicht erzählen, man muss es gelesen haben (!) auf die trocken norddeutsche Art von Meyerhoff, damit die Tränen laufen (wie bei mir).

Das Buch ist sehr witzig, macht an manchen Stellen auch nachdenklich und vermittelt bei dem ganzen Alltagswahnsinn um den jungen Erzähler herum eine Lebensfreude, von der man lange zehren kann. Unbedingte Leseempfehlung!

Schluss mit falschen Hemmungen: Regionalliteratur und Hexenbücher

Ich bin überhaupt kein Freund von Regionalliteratur. Verschiedene Kontaktversuche hatten mich zu der Überzeugung gebracht, dass Belletristik mit übermäßig im Vordergrund stehendem Lokalkolorit häufig nur für den – ausgewanderten? – Ortsansässigen von besonderem Glanz und Wert ist, für den Außenstehenden bestenfalls nett und unterhaltsam, selten bis niemals aber gut. Bestimmt gibt es Ausnahmen und bestimmt kann das auch mal funktionieren (was ist mit „Berlin Alexanderplatz“ von Döblin? Womöglich ist das eine andere Liga), sonst würde es nicht so viele Buchreihen mit Kommissaren und Detektivinnen an festen Orten geben. – Meistens sind es ja Kriminalgeschichten, die ebenfalls nicht zu meinem bevorzugten Genre gehören.

Über die Weihnachtsfeiertage war ich mit Familie in einem kleinen, niedlichen Ferienhaus im Harz. Das Wetter war zwar nicht weihnachtlich, sogar eher frühlingshaft warm, doch die dunklen Wälder und die Hänge und Schluchten schafften eine ganz spezielle Atmosphäre. Bei einer Wildtierfütterung in der Abenddämmerung mit anschließendem Imbiss in einem ehemaligen Bahnhof – namens Stöberhai (!) – entdeckte ich die zum Verkauf ausliegenden mystischen Harzkrimis der Reihe „Im Schatten der Hexen“ von Kathrin R. Hotowetz. Sie waren mir bereits ein paar Tage vorher im Café des Zisterzienserklosters Walkenried aufgefallen und schließlich kaufte ich den ersten Band der Reihe: „Hexenring“.

Auf dem Buchumschlag heißt es: „Eines Abends im Oktober erzählt Gerda Hoffmann ihren Enkelkindern die Geschichte vom Hexenring, einer uralten Prophezeiung aus längst vergangenen Tagen, die fast gänzlich in Vergessenheit geraten ist. Sie gibt ihnen einen seltsamen Tee zu trinken und warnt sie vor den tiefen Wäldern des Harzes, der direkt vor ihrer Haustür beginnt. – Was den Kindern anfangs nur wie eine weitere Geschichte ihrer Oma erscheint, ist Gerda Hoffmann jedoch tiefer Ernst, denn sie erkennt die Zeichen in ihren Karten und befürchtet, dass sich die Geschichte zu wiederholen beginnt. –  Zur gleichen Zeit grübelt auch Kommissar Joachim Breitner über das spurlose Verschwinden zweier Kinder und ist absolut ratlos, als ein drittes vermisst wird.“

Und in der abendlichen Winterdämmerung dort im Südharz, ringsumher Wälder und Ruinen – und meine Familie – da begann das Buch, seine Wirkung auf mich zu entfalten. Es ist überraschend gut und flüssig geschrieben, nur wenig Sprachhülsen, über die man stolpert und die Geschichte ist auf raffinierte Weise spannend, mystisch und ein wenig fantastisch (im Sinne von Fantasy). Ich habe es bis zum Ende nicht mehr aus der Hand genommen und die Schmökerstunden damit sehr genossen (und mich ein wenig über mich selbst gewundert …).

Der erste Band ist im Jahre 2012 erschienen und es sind noch drei weitere in dieser Reihe hinzugekommen. Inzwischen gibt es sie alle gemeinsam handsigniert in einem Schuber, zusammen mit Poster und einer Musik-CD. Ich werde mir wohl zunächst den zweiten Band kaufen und ausprobieren, ob die Lektüre auch im Berliner Großstadtdschungel funktioniert, oder ob man dafür doch besser wieder in den Wald fährt!

Über das Haben von Kultur

In digitalen Zeiten ist es mit dem Besitz kultureller Inhalte so eine Sache. So gibt es beispielsweise die Musik auf Tonträgern wie Vinylschallplatten, Cassetten, Compact Discs. Es gibt sie aber auch als MP3 oder in anderen Formaten auf dem Computer, dem Handy oder dem USB-Stick. Dann gibt es da noch den Stream, der durchs Radio kommt – heißt es da eigentlich auch Stream? – oder durchs Internet. Und natürlich gibt es ebenfalls noch die Musik in meinem Kopf, die ich für mich allein höre und die meist aus Stücken besteht, die ich schon einmal irgendwo konsumiert habe (und wenn ich meine Tabletten nicht regelmäßig nehme, dann wird sie immer lauter … nein, Quatsch).

Mit Literatur ist es mittlerweile auch so, ich kann sie als richtiges Buch kaufen, als digitales Manuskript oder ich lese sie im Internet.

Der Inhalt ist immer gleich, soviel steht fest. Alles andere aber ist verschieden. Oder?

In den vergangenen fast zehn Jahren habe ich kaum noch Bücher gekauft. Meine Regale sind voll und bei den letzten Umzügen habe ich feststellen können, wie schwer Literatur zu heben ist. Dennoch habe ich gelesen, nicht wahnsinnig viel, aber doch gelesen. Die Bücher kamen aus städtischen Leihbibliotheken oder man hat sie mit Freunden getauscht. Die einzigen noch klassisch eingekauften Bücher waren in dieser Zeit ausschließlich Fach- und Sachbücher, da man die ja öfter zur Hand nimmt.

Ich erinnere mich noch gut an meine späte Studienzeit. Da habe ich Bücher gekauft, was das Zeug hielt, Fachbücher und Belletristik und es war mir eine körperliche Lust, die gekauften Bücher an eine Stelle ins Regal zu stellen und dann die gelesenen Werke an die entsprechende Stelle zu den anderen einzusortieren (alphabetisch war das zumeist).

Nach dem Studium gab es in meinem Leben eine längere Zäsur (kann man das sagen, eine Zäsur ist doch eigentlich ein Punkt und keine Fläche, also ein Moment und kein Zeitraum …, na, bei mir dauerte sie fast zehn Jahre), die ich im fremdsprachigen Ausland verbrachte. Da ich zu dieser Zeit auch professionell mit Literatur zu tun hatte, und – ein wichtiger Aspekt! – nur zweimal im Jahr in Deutschland war und die Gelegenheit zum Einkauf deutschsprachiger Literatur hatte, kaufte ich auch in diesem Zeitraum wie ein Verrückter. Das galt übrigens nicht nur für Literatur, sondern auch für Musik. Ich kann mich gut daran erinnern, wie ich Stunden im Musikladen meines Vertrauens verbrachte und dann mit einer Tüte voll CDs im Wert von 300,- Euro das Geschäft verließ (überhaupt, wo sind die Läden des Vertrauens geblieben? In jenem Musikgeschäft namens Discover bekam ich einen Kaffee und mir wurde der Aschenbecher (ups, ja, das war damals so) bereitgestellt und da stand ich dann mitten im Laden mit dem Kaffee und der Zigarette und dem Kopfhörer und der Typ von dem Laden spielte mir Musik vor, die mir gefallen müsste, denn inzwischen kannte er meinen Geschmack und wusste, dass ich zweimal im Jahr vorbeikam. – Eine Buchhandlung meines Vertrauens hatte ich natürlich auch, wo es zwar weder Kaffee noch Aschenbecher gab, die Atmosphäre aber toll und die Mitarbeiter nicht nur kompetent, sondern auch sympathisch waren (der Juniorchef war dann sogar auf meiner (ersten) Hochzeit zu Gast und kam dafür die 2000 Kilometer vorbei – die letzten 300 sogar per Taxi! – So etwas können Thalia und Mediamarkt in 1000 Jahren nicht wettmachen und Amazon schon mal gar nicht, da gibt es nur Konsumartikel, kein Herz).

In diesen Zeiten gab es die Frage nach der Nachhaltigkeit meiner Einkäufe nicht oder danach, ob ich diese Bücher öfters lese. Doch langsam, langsam sickerte die digitale Zeit auch zu mir durch und zumindest Musik wurde immer öfter aus dem Internet geladen (das war in Osteuropa, da hat man das so gemacht), aus finanziellen Gründen und weil es diese Musik vor Ort gar nicht zu kaufen gab. Ich kann mich aber daran erinnern, wie ich diese Musik dann auf CDs brannte, mir leere CD-Hüllen kaufte, die Cover zu den jeweiligen Alben ausdruckte, ausschnitt und die fertigen CDs dann in mein Musikregal stellte. Dabei habe ich mich nie als Zwangsneurotiker wahrgenommen, doch wenn ich jetzt darüber nachdenke, dann frage ich mich schon, ob damals alles mit mir in Ordnung war.

Heute lebe ich wieder in Deutschland, habe freien Zugang auf jedes Produkt meiner Wahl, eine gut ausgestattete Leihbibliothek in Fußnähe und weiß gar nicht, wie ich es nun angehen soll. Fakt ist, dass ich mich über meine (alten) Schallplatten immer noch sehr freue und mit großem Vergnügen gelegentlich eine Scheibe auflege und sie mir anhöre. Denn der Konsum einer Schallplatte gestaltet sich ganz anders als der eines Streamingdienstes, soviel steht fest. Neue Schallplatten habe ich mir aber bisher keine gekauft, sondern halte es da weiterhin mit CDs. MP3-Stücke habe ich mir ebenfalls noch nie gekauft und werde das wohl auch nicht tun.

Mit den Büchern ist es so eine Sache. Wie gesagt, die Regale sind voll, trotzdem kaufe ich wieder Bücher. Das werden auf jeden Fall gedruckte sein, denn gegen den Kauf digitaler Werke sträubt sich alles in mir. Was soll ich mit einem Bücherregal im Handy oder im Notebook? Klar, der Inhalt ist gleich, aber nur das Buch in der Hand vermittelt ein bestimmtes Gefühl, nur da kann ich die Pigmentierung des Papiers betrachten oder den Duft eines neu gekauften Buches inhalieren. Auf dem Kindle oder dem Tolino sieht jedes Buch gleich aus, doch wer kann sich zum Beispiel an das feine Papier der Insel-Taschenbücher erinnern? – Und: Das schönste Möbelstück in einer Wohnung ist ein gut bestücktes Bücherregal. Menschen ohne Bücherregale waren – und sind – mir immer suspekt.

Mein Fazit: Kulturelle Produkte sind ganz klar immer mehr als nur ihr Inhalt. Die „Verpackung“ ist konstitutioneller Bestandteil. Deshalb Ehre wem Ehre gebührt, die guten und geliebten Bücher und Musiken ins Regal, als physisch erfahrbare Gegenstände. Zum Herausnehmen, zum Halten und Betrachten, zum Beschnuppern. Und – ganz wichtig – zum Verleihen oder gar zum Vererben! Alles andere, der träge dahinfließende Fluss an Fastfood-Literatur und -Musik kann gut digital auf einer Seite konsumiert und auf der anderen gleich wieder ausgeschissengeschieden

Bestseller (not in my name)

Hm, irgendwas scheint da schief zu laufen. Nun habe ich endlich das Fremdeln vor massenkompatiblen Produkt(ion)en abgelegt und nähere mich mit ausgestreckten Armen den Bestseller-Listen der Nation, um zu sehen, was es denn so ist, dass sich gut verkauft und zu überprüfen, ob ich nicht auch meinen Spaß daran habe. Alle Vorbehalte sind über Bord geworfen – ich esse ja auch BigMäc – und ich setze mich völlig vorurteilsfrei an Texte und Genres, die mir zuvor mehr als fremd waren. Dabei wähle ich die Texte und Autorinnen aus, die sich gut bis sehr gut verkaufen.

Gestern Nacht habe ich mein zweites Buch zum Thema beendet. Und was ist passiert? Ich bin genervt, gelangweilt, verärgert und zugleich auch verwirrt und irritiert. Kann doch nicht sein, dass sich diese Texte so wahnsinnig gut verkaufen, so wie sie geschrieben sind. Hölzern und aus Readymade-Satzteilen zusammengenagelt hatte ich bei der Sprache zuerst an eine schlechte Übersetzung gedacht – „Er versetzte ihm einen Stoß gegen die Brust (…)“ – und wollte nach der Lektorin meines Vertrauens rufen. Doch ein Blick sagte mir, dass die Autorin aus dem deutschsprachigen Bereich stammt, damit also wohl in ihrer Muttersprache schreibt und aus eigenem Antrieb und Verstand solche Formulierungen hervorbringt. Hm, was kann man da noch sagen …?

Die Story ist so lala, immerhin kann sie mit einer interessanten Idee aufwarten, bei der moderne Technik eine Rolle spielt. Aber alles wirkt nur angerissen, von den Charakterdarstellungen über den Verlauf der Story, der Motivation der Figuren bis hin zum Finale. Also alles nicht wirklich überzeugend und fesselnd, ganz im Gegenteil. Zum Glück habe ich das Buch als Ebook gelesen, denn gestern im Buchladen konnte ich einen Blick auf die gedruckte Fassung werfen und es ist ein rechter Klotz. Schade um den Baum.

Das ist jetzt schon meine zweite Enttäuschung in diesem Bereich und ich beginne mich zu fragen:

  1. Bin ich zu alt für diesen Scheiß? Immerhin ist Zeit immer knapper und der ältere Mensch ist womöglich weniger bereit, für Bullshit sein Zeitkonto unnötig zu verkleinern …;
  2. Bin ich verkorkst? Wenn man an der Uni Literatur studiert hat und anschließend ebenda unterrichtet und die Kriterien zur Auswahl und Rezeption von Texten niemals die Bestenliste irgendwelcher Zeitungen (oder Internetportale) war, dann fehlt einem womöglich der richtige Blick auf die Sache und man ist nicht (mehr?) in der Lage, die Schönheit im Einfachen zu genießen … (Hm, aber bei Mad Max im Kino hatte ich doch auch eine Menge Spaß).
  3. Keine Ahnung, was hier noch hinkommt, aber so eine Liste macht mit nur zwei Punkten überhaupt keinen Sinn.

Ursula, es tut mir leid. Doch ich wünsche Dir von Herzen noch ganz viel Erfolg und gute Verkaufszahlen!