Archiv der Kategorie: Jahr des Taschenbuchs 2016 #jdtb16

(#jdtb16) Yee-haw! ruft (mich) die Prärie …

Es gibt Dinge, die bleiben unerklärlich. Dazu gehört definitiv die Faszination für den Wilden Westen, für Cowboys und Indianer, für die weite Steppe und die Bohnenpfanne am Lagerfeuer. – Und dazu gehört auch die Frage, warum sich jetzt wahrscheinlich nur die halbe Menschheit angesprochen fühlt.

Ich habe als Kind eine Menge Karl May gelesen, Lederstrumpf und Tecumseh, später dann alle Western gesehen, die mir vor die Flinte kamen. Als Student in der mündlichen Abschlussprüfung Westernfilme als Thema gehabt und mich anschließend immer wieder über neue Western gefreut, die hin und wieder in die Kinos kamen (Dead Man, Cold Mountain, Hi-Lo County, etc.). Und natürlich mit Begeisterung die Musik von Hank Williams und Johnny Cash genossen, was auch heute noch gilt.

Literarisch habe ich mich schon seit Ewigkeiten nicht mehr mit dem Thema beschäftigt (mit einer Ausnahme: Die literarische Vorlage der HBO-Serie „Deadwood“ hat mir in schweren Zeiten das Leben versüßt) und mich auch gar nicht auf die Suche danach gemacht.

Und gerade dann, wenn man gar nicht damit rechnet, genau dann erwischt es dich mit Haut und Haaren!

„Stoner“, das andere Buch von John Williams, hat mir schon viel Freude gemacht. Die reduzierte, nüchterne Sprache und dazu die Geschichte eines wortkargen, in sich gekehrten Mannes – der dann Literaturprofessor wird! – hat mich ein paar Tage beschäftigt.

Doch die für mich wohl beeindruckendste Lektüre hat mir „Butcher’s Crossing“ beschert. Es ist schon eine Weile her, dass mich ein Buch so in seinen Bann gezogen hat und mich mit der Hauptfigur mitfiebern ließ.

Und auch hier ist es die fantastische, reduzierte Sprache von Williams (großartig übersetzt von Bernhard Robben), die dem kundigen Auge sofort in selbiges fällt. Den Rest besorgen die Story und ihre Darsteller. Das ist die Story (Klappentext von dtv):

„Es war um 1870, als Will Andrews der Aussicht auf eine glänzende Karriere und Harvard den Rücken kehrt. Beflügelt von der Naturauffassung Ralph W. Emersons, sucht er im Westen nach einer »ursprünglichen Beziehung zur Natur«. In Butcher’s Crossing, einem kleinen Städtchen in Kansas, am Rande von Nirgendwo, wimmelt es von rastlosen Männern, die das Abenteuer suchen und schnell verdientes Geld ebenso schnell wieder vergeuden. Einer von ihnen lockt Andrews mit Geschichten von riesigen Büffelherden, die, versteckt in einem entlegenen Tal tief in den Colorado Rockies, nur eingefangen werden müssten: Andrews schließt sich einer Expedition an, mit dem Ziel, die Tiere aufzuspüren. Die Reise ist aufreibend und strapaziös, aber am Ende erreichen die Männer einen Ort von paradiesischer Schönheit. Doch statt von Ehrfurcht werden sie von Gier ergriffen – und entfesseln eine Tragödie. Ein Roman darüber, wie man im Leben verliert und was man dabei gewinnt.“

Das Buch hat alles, was ein richtiger Western braucht: Revolver, Pferde, Büffel, Männerfreundschaften, Alkohol, Obsessionen, die Liebe zu einer Prostituierten. Und es geht um die großen existenziellen Fragen des Lebens. – Für mich steht fest, dass ich dieses Buch noch öfter lesen werde!

Und nur am Rande: Mir fallen auf Anhieb eine ganze Handvoll Leute ein, denen ich das Buch als unbedingte Lektüre empfehlen werde. Seltsamerweise ist darunter keine Frau … Warum?

(#jdtb16) Der Flow des Lebens – Karl Ove Knausgårds Kampf

Es gibt Dinge, an denen kommt man nicht vorbei. Häufig sind es dann auch noch solche, von denen man gar nichts wissen will, weil sie einen nicht interessieren, weil sie belanglos sind, weil sie einfach nur doof sind. Trotzdem weiß ich, dass es vor kurzem wieder das Dschungelcamp gab und so ungefähr, wer dabei war. Ich weiß auch, dass Helene Fischer aus der ehemaligen Sowjetunion stammt, einen Hit namens „Atemlos“ und außerdem sehr viel Erfolg hat. Um diese Informationen habe ich mich nie beworben, wollte alles das gar nicht wissen, weiß es trotzdem.

Manche Themen liegen einfach in der Luft, man erfährt ungefragt von ihnen, lässt sie eine Weile links liegen und versucht, sie zu ignorieren. Wie gesagt, das klappt nicht immer, selten oder eher überhaupt nicht. Bei manchen wird man dann irgendwann einfach weich/neugierig und gibt nach und schaut sie sich mal aus der Nähe an.

Ein solcher Fall ist für mich ganz klar Karl Ove Knausgård. In allen Feuilletons und Kultursendungen habe ich von und über ihn gehört und jetzt – endlich und ein bisschen auch, weil es das Jahr des Taschenbuchs (#djtb16) gibt – habe ich das erste Buch von ihm gelesen: „Sterben“, Band eins aus dem sechsbändigen Romanzyklus „Mein Kampf“ (so heißt es im norwegischen Original). Die anderen bereits auf Deutsch veröffentlichten Bände heißen übrigens „Lieben“, „Spielen“ und „Leben“ (die mich vom Titel her viel mehr interessiert hätten, doch ich wollte den ersten Band lesen!).

Es passiert nicht viel in diesem 600 Seiten starken Buch. Nur das Leben. Sein Leben. Dabei ist nichts bei diesen Beschreibungen besonders dramaturgisch aufbereitet, es gibt keine großartigen Spannungsbögen, keine aufregenden Dinge, die geschehen. Dennoch entwickelt das Buch beim Lesen einen unglaublichen Sog, der einen nicht mehr loslässt. Und gegen Ende stockt dem Leser dann doch das eine oder andere Mal der Atem.

Wenn man fragt, wovon der Roman handelt, dann muss man also sagen: Vom Leben und vielleicht noch von der Vergänglichkeit des Lebens und vom Sterben. Es gibt essayistische Teile, es gibt detailgetreue Schilderungen von Szenen aus der Kindheit des Erzählers, Momente mit seinem Bruder und seinem Vater – der im Buch übrigens eine wichtige Rolle spielt.

Spreche ich vom Erzähler, dann fallen mir gleich alle Theorien meines Studiums wieder ein und die damals – bei manchen Professoren – angesagte Vorgabe, den Erzähler strikt vom Autor zu trennen und auf keinen Fall den letztgenannten im Werk zu suchen oder gar Rückschlüsse vom biographischen Hintergrund des Autors auf den Inhalt und die mögliche Bedeutung des Textes zu ziehen.

Bei Knausgård stellt sich dagegen fast die umgekehrte Frage, nämlich ob hier überhaupt etwas bearbeitet wurde oder ob er nicht direkt aus seinen Erinnerungen kopiert und aufgeschrieben hat. Und natürlich muss man sofort widersprechen, denn der Text ist ja kein transkribierter Mitschnitt der Tonspur seines Lebens, sondern eine Kollage ausgewählter Erinnerungen, Überlegungen, Gedanken, Dialogen, erstellt, komponiert und verfasst von einem Mann jenseits der vierzig. – Es geht bei der Be- und Verarbeitung also um die Form, weniger um den Inhalt, denn dieser ist (höchstwahrscheinlich) nicht der Fantasie des Autors entsprungen – wie man es bei Tolkien oder Rowling kennt.

Oder vielleicht doch? Stellen wir uns vor, Knausgård hat all das erfunden, die Personen und Ereignisse, die sich in dieser Form niemals zugetragen haben. Möglich wäre es, wenn man die Details aus dem Wikipedia-Eintrag einfach mal ignoriert.

Die spannende Frage an dieser Stelle: Spielt es für den Leser eine Rolle, ob die Story dieses Romans (Roman! Nicht Autobiographie) erfunden oder erlebt und dann geschickt komponiert und aufgeschrieben ist. Verändert es unsere Rezeption? Ich denke nicht. Wir lesen und ziehen Parallelen zu eigenen Erfahrungen, dem eigenen Leben und Erleben, nicken zustimmend oder schütteln ablehnend den Kopf, schlagen uns entgeistert mit der flachen Hand gegen die Stirn oder lachen schenkelklopfend los. Egal, ob die Geschichte authentisch ist, oder nicht. Das ist der Kniff, der das Ganze spannend macht. Und ob die Dinge, die ich erlebe, real und echt sind, das spielt doch auch fast keine Rolle. Außerdem ist realistisch kein Entscheidungskriterium, wenn es um Kunst geht. Und ob mein Leben realistisch ist … hm, keine Ahnung, ich kenne nur das hier.

(#jdtb16)Ein Buch, das nicht viele Worte macht über einen, der auch nicht viel redet (und ganz toll ist, mich aber trotzdem genervt hat)

Bin ich wohl mit Leib und Seele wieder voll drauf reingefallen, auf die Naturkind-Schweiger-Raues-Leben-Romantik-Schiene. Habe es genossen, keine Frage, aber das ist ja das Perfide an diesem Genre (oder an Literatur überhaupt?): Wenn sie gut ist, dann reißt sie dich mit. Wenn du Glück hast, dann geschieht das mit Themen, die du voll und ganz unterschreibst und als für dich passend abgeheftet hast. Na, und wenn du Pech hast, dann kriegt sie dich trotzdem, doch du reibst dir nachher verwundert über den Kopf und merkst, dass du mal wieder in die Falle gelaufen bist.

Worum geht es? Robert Seethaler hat mit markanter Sprache, wenig und wohlgewählten Worten und dem richtigen Tonfall, ein Buch geschrieben, das eine Menge zufriedener Leser gefunden hat. Ich hatte das Buch eigentlich nicht auf meinem Einkaufszettel, habe es dann aus eher banalen Gründen ins Körbchen gelegt (ich mache mit bei der Jahr-des-Taschenbuchs-Challenge – #jdtb16 -, d.h. ich kaufe und lese jeden Monat ein Taschenbuch. Für den Monat Februar hatte ich mir ein etwas dickeres Buch angeschafft, bin dann aber aufgrund anderer Leseverpflichtungen nicht zur Lektüre gekommen und brauchte nun schnell ein dünnes Werk, weshalb ich auf Seethaler verfiel …).

Es geht in dem Buch „Ein ganzes Leben“ um das Leben eines einfachen Bergjungen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Er ist Pflegekind bei seinem Onkel, hat es entsprechend nicht leicht und schlägt sich mit Hilfsarbeiterdiensten durchs Leben, lernt die Liebe kennen und stirbt am Ende des Buches. Das alles geschieht auf knapp 200 dünn beschriebenen Seiten und ist eine schöne Geschichte, die man gemütlich an einem Abend wegnaschen kann.

Aber halt, wieso ist das eine schöne Geschichte? Was gefällt mir an einem schweigsamen Mann, der sich entbehrungsreich durch ein Leben in der Natur kämpft? Eigentlich finde ich doch das Leben in der Natur gar nicht so toll – außer im Urlaub mit den dazugehörigen angenehmen Seiten wie Wellness, Frühstücksbüffet und Kingsize-Bett mit Flatscreen an der gegenüberliegenden Wand. Und schweigsame Menschen muss ich auch nicht um mich haben, ganz im Gegenteil, ich will reden und zuhören und diskutieren und austauschen. Obendrein sind mir Menschen ohne Bücher im Zweifelsfall eher suspekt, denn oft sind das Menschen ohne noch eine ganze Menge anderer Eigenschaften, wie Esprit, Kultur, Meinung, Ideen oder einfach Neugierde. Und die können mir gut und gern gestohlen bleiben.

Also lieber Herr Seethaler: Das Buch ist klasse geschrieben, die Sprache ein Gedicht. Und die Geschichte hat mich auch fasziniert und gefesselt von der ersten bis zur letzten Seite. – Mein Thema ist das trotzdem nicht und ich will auch nicht zurück in die Natur und auch kein Naturbursche werden und finde das alles auch überhaupt nicht nachahmenswert und sehne mich auch nicht danach. Und: Nein, ich werde mir definitiv keinen Schrebergarten zulegen, auch wenn das derzeit alle Menschen in meinem Umfeld hier in Berlin tun! Ein Garten ist toll, wenn ich darin einen Liegestuhl und ein danebenstehendes Tischchen mit Drink und ein paar Keksen darauf und einem Stapel Bücher darunter sehe. Bitte verschont mich mit Unkrautjäten und Rasenmähen und Heckenschneiden und was-nicht-noch-alles! Ich liebe die Großstadt, das Geschwätz und alles, was ich dort finden kann, die Häuser mit ihren Kinos und Museen und Theatern und Cafés und Spelunken!

#jdtb16 Das Leben schreibt die besten Geschichten

Ich liebe Geschichten. Und zwar vor allem und ganz besonders nicht solche, wie die von Harry Potter oder Bilbo Beutlin (oder Tonio Kröger oder Jim Knopf), sondern solche, wie sie im Alltag geschehen und dann von manchen Menschen mit ganz besonderer Begabung auf wahnsinnig unterhaltsame Art zum Besten gegeben werden. Mein alter Kumpel U ist so jemand, der ein ganz besonderes Händchen für das richtige Timing einer Geschichte hat und sich dafür genau die richtige Zeit nimmt, um dann die Pointe effektvoll zu zünden (ich weiß noch, wie er früher an besonderen Stellen innehielt, seinen Tabak und die Blättchen nahm, sich genüsslich eine Zigarette drehte, und erst mit der Geschichte fortfuhr, wenn der erste Zug genommen und er sich wieder auf seinem aufgepolsterten Zweiersofa, auf dem er im Schneidersitz zu sitzen pflegte, ein wenig zurückgelehnt hatte.)

Wer ebenfalls über diese tolle Begabung zu verfügen scheint, dass ist der Schauspieler und Schriftsteller Joachim Meyerhoff. Auf meiner Liste stand er schon lange und das Jahr des Taschenbuchs war für mich die beste Gelegenheit, endlich den Eintrag von der Wunschliste zu löschen und mir „Wann wird es wieder so, wie es nie war“ anzuschaffen.

Es kommt nur ganz selten vor, dass ich allein und bei der Lektüre eines Buches laut lachen muss. Bei diesem Buch war es mehrmals soweit, dass ich nicht anders konnte. Die Art und Weise, wie Meyerhoff von seiner Kindheit auf dem Gelände der Kinder- und Jugendpsychiatrie in Schleswig schreibt, wo sein Vater Direkt war, ist einfach unschlagbar. Dabei steht im natürlich auch ein hervorragendes Umfeld in Form der psychiatrischen Einrichtung, dazu sein skurriler Vater und noch anderes Personal dankbar zur Seite.

Eine der schönsten Szenen ist die, wo er vom Wellensittich seines größeren Bruders berichtet. Der trägt den Namen Erwin Lindemann (Loriot?) und wird mittels Beschallung durch eine Endloscassette und dem aufgenommenen Satz: „Ich heiße Erwin Lindemann!“ dazu gebracht, schließlich diesen Satz auch selbst sprechen zu können. – Das Schicksal schlägt dann in Form der Putzfrau zu, die den Käfig öffnet und dabei vergisst, dass das Zimmerfenster ebenfalls noch offen ist. Erwin Lindemann nutzt die Gelegenheit und flüchtet, stellt aber nach wenigen Metern fest, dass er unerreichbar weit von seiner Heimat entfernt ist und bleibt in der Krone eines neben dem Haus stehenden Baums (übrigens eine Linde!) sitzen. Bruder und Autor finden in später im Baum und der Bruder befiehlt ihm: „Erwin Lindemann, komm sofort herunter!“ Der Vogel gehorcht natürlich nicht, stattdessen hört man noch stundenlang seinen Ruf von oben aus dem Baum: „Ich heiße Erwin Lindemann. Ich heiße Erwin Lindemann.“ – Man kann es fast nicht erzählen, man muss es gelesen haben (!) auf die trocken norddeutsche Art von Meyerhoff, damit die Tränen laufen (wie bei mir).

Das Buch ist sehr witzig, macht an manchen Stellen auch nachdenklich und vermittelt bei dem ganzen Alltagswahnsinn um den jungen Erzähler herum eine Lebensfreude, von der man lange zehren kann. Unbedingte Leseempfehlung!

#jdtb16 Das Jahr des Taschenbuchs hat begonnen

Das halte ich mal für eine Super-Idee: das Jahr des Taschenbuchs 2016! Wenn es keine Taschenbücher gäbe, dann hätte ich vieles nicht im Regal stehen. Mehr als die Hälfte der Fläche wäre sicherlich leer. Und offenbar gehen ja die Verkaufszahlen für TBs zurück, also ein Grund mehr, etwas zur Förderung dieses Formats zu tun. – Und für mich ein guter Grund, zwölf Mal in diesem Jahr in die Buchhandlung zu gehen und ein Taschenbuch zu kaufen! Initiiert wurde das Ganze von zwei Literaturbloggerinnen, nämlich Petzi von Die Liebe zu den Büchern und Ramona von Kielfeder. Hier gibt es die ausführlichen Informationen zu der Aktion Das Jahr des Taschenbuchs (#jdtb16). Unbedingt weiterleiten und in die Welt verbreiten! Und dann gleich mitmachen, Taschenbuch kaufen, lesen, posten undsoweiter!