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Schon wieder Strichstrich Frauenliteratur Strichstrich? Und sagt man wirklich Fifty Shades für Anfänger …

Die eine wichtige Frage muss gleich zu anfangs einmal gestellt werden: Ist nicht im Grunde jede Literatur Frauenliteratur? Schließlich waren es doch immer Frauen, die lasen. Und zwar immer in signifikant höherer Zahl als Männer. Und selbst heute, im Science-Fiction-Zeitalter des 21. Jahrhunderts sind die Seminarsäle aller philologischen Fakultäten in überwiegender Mehrzahl von weiblichem Personal bevölkert. – Wenn es also zwar auf der einen Seite eine ganze Menge Männer gibt, nämlich bei den Produzenten von Literatur, den Schriftstellern – wobei das wahrscheinlich auch noch relativiert werden muss, wenn man genau nachdenkt und der Theorie der HIStory vertraut, so ist doch auf der Empfänger-/der Rezipientenseite ein eindeutiger Überhang der Doppel-X-Chromosomträgerinnen auszumachen. Man könnte also sagen, dass Literatur zu allererst und vor allem für Frauen geschrieben wird, es sich also immer um Frauenliteratur handelt.

Wenn damit die Logik nachvollziehbarer Überlegungen (mal wieder) ganz auf meiner Seite ist, so bin ich doch zugleich ein wenig unglücklich, denn dorthin wollte ich eigentlich nicht. Sondern zurück in die 80er Jahre und zu meiner bereits an anderer Stelle geäußerten Feststellung, dass die Frauenliteratur auch nicht mehr das ist, was sie mal war. Es wird nicht mehr reflektiert über die Gesellschaft und vor allem über Rollenverhalten und -zuschreibungen und ihre Verhältnisse mit- und zueinander. Oh, wie habe ich diese Bücher damals mit Heißhunger verschlungen und dabei den Eindruck gehabt, so einiges zu erfahren und zu lernen über das unbekannte Wesen Frau (oder Mädchen).

Heute lernt man in der Frauenliteratur, dass brave und anständige Frauen alle auf wilde und böse Jungs stehen oder zumindest auf Draufgänger, die sich nehmen, was sie wollen (und die Frauen offenbar auch). Sei nur nicht der Frauenversteher oder Freund, denn dann kannst du zwar mit Frauen Liebesfilme gucken und Einkaufen gehen, aber wechselseitig die Leiber zum Ver- und die Herzen zum Schmelzen bringen lassen andere.

Einmal ist es die junge Studentin und der erfolgreiche Geschäftsmann Grey – eigentlich ja schon fast der Übermensch von einem Mann, der mit so vielen Erfolgsklischees behaftet ist, dass es schon fast nicht mehr schön ist. Und jetzt ist es die biedere Collegestudentin und der verwegene ausländische (!) Student mit Tattoos und Piercing, der im Unterschied zu dem langjährigen Freund das Herz der jungen Tessa („nenn mich nicht Theresa!“) hüpfen lässt.

Das Buch ist unterhaltsam, ohne Verlangen nach hochliterarischen Ansprüchen flüssig geschrieben und mit einer nett dahinfließenden Story versehen. Damit ist es in meinen Augen sogar besser als die berühmten 50 Shades (von denen ich allerdings nur den ersten Teil gelesen habe). Angesichts des Umfangs und der Anzahl der Fortsetzungen habe ich nach knapp 250 Seiten aber die Lektüre beendet, denn es gibt nichts, was ich noch zu bekommen erwarte, was ich nicht bereits in der ersten Hälfte des ersten Bandes erhalten habe. Okay, womöglich wird die Protagonistin im Verlauf dieses ersten Bandes noch ihre Unschuld verlieren, was ich ihr von Herzen gönne, doch so richtig interessieren tut es mich nicht. – Womöglich aber wird auch dies nicht ohne Hindernisse vor sich gehen, wie es auch bei ihrem ersten Cunnilingus nicht direkt klappt (sie soll ihm sagen, dass sie von ihm geleckt werden will … – was sie natürlich nicht tut, und was er sich eigentlich auch hätte denken können, aber das ist ein anderes Thema).

Was mich nachdenklich macht, das ist die Frage, woher diese Faszination kommt, die brave Mädchen für „böse“ Jungs empfinden? Warum möchte man sich nicht dem Freund hingeben, der einen versteht, der verständnisvoll und lieb ist? Weil er zu vertraut ist? Weil man zuviel über einander weiß? Weil man zu seinem Glück gezwungen werden muss?

Zu dem Zeitpunkt, als ich mir nichts sehnlicher als eine Freundin gewünscht hatte, ein Mädchen, das ich küssen und mit dem ich schmusen und Sex und all das haben kann, zu dem Zeitpunkt war ich wohl wie der Noah aus der Geschichte, der Versteher, der Vertraute, und nicht derjenige, von dem man träumt und mit dem man die Kissen durchwühlt. Der Verhaltensauffällige, der Böse, der jeden vor den Kopf stößt und mit sich und der Welt nicht im Reinen ist. Und die Mädchen wandten sich lieber den Älteren zu, den Wilden und Unbekannten … – … zu dem ich später wurde, in einer anderen Zeit.

Zurück zum Thema und Schluss mit dem Dampfgeplaudere. Fazit zum Buch: Nette Liebesgeschichte, gut zu lesen, aber wirklich lang und nur für diejenigen, die viel Zeit für sowas haben (weil sie vielleicht noch zu jung sind für das echte Leben). Was ich vergaß zu erwähnen: Das Buch heißt „After Passion“ und ist von Anna Todd und verkauft sich richtig gut, war auch in der Jahresbestenliste bei den Lovelybooks.