Archiv der Kategorie: Deutscher Buchpreis 2015

#dbp2015 (3) Frauenliteratur? Frauenliteratur!

Im Rahmen meiner alljährlichen persönlichen Buchpreis-Longlist-Challenge traf ich auf ein weiteres Buch, das mir sehr gut gefallen hat, das ich aber ohne diese Challenge wahrscheinlich nicht mal in die Hand genommen hätte … Die Rede ist von Anke Stelling und „Bodentiefe Fenster“.

Und mit Beginn des Buchs war ich sofort drin in der Welt der Protagonistin, Anfang Vierzig, Mutter, in einem Mehrgenerationenhaus mitten in Prenzlauer Berg. Sie ist Teil dieses Universums und steht doch daneben, was ihr die Gelegenheit gibt, alle Vorkommnisse auf das Böseste zu kommentieren. Dabei hat sie oft recht, wenn sie mit ihrem Skalpell die zwischenmenschlichen Begegnungen seziert, die Regeln und Vorsätze, die so dann doch alle nicht richtig funktionieren. Das ist oft übertrieben und betont zynisch, was es damit auch gleich wieder ein Stück aus der Realität hebt und Gelegenheit zum Lachen gibt, ohne dass man sich ein schlechtes Gewissen einstellt.

Schließlich ist man selbst auch ein Teil dieses Systems und würde viele Dinge genauso machen (oder tut es sogar), denn irgendwo ist doch der Prenzlberger Mikrokosmos ein Stück des erträumten Paradieses von uns allen, oder?

Ich hatte auf jeden Fall eine Menge Spaß und konnte Auszüge des Buchs direkt verwerten zur Kommentierung des Verhaltens einiger Eltern in unserer Eltern-Initiativ-Kita (ja, ich wohne auch in Berlin, allerdings im wilden Wedding …). Würde das Buch also auf jeden Fall weiterempfehlen, auch für männliche Leser (der ich selber auch einer bin).

Das Buch bot mir daneben aber noch Anlass, ein wenig über den Buchrand hinauszublicken. Die Lektüre hat mich nämlich anfangs stark an ein anderes Buch erinnert, das ich vor langer langer Zeit und in einem ganz anderen Leben gelesen habe. Die Rede ist von Svende Merian und „Der Tod des Märchenprinzen“ und es war Anfang der Achtziger Jahre, als ich es gelesen habe. Da ging es um eine junge Frau, die über eine Kontaktanzeige einen Mann kennenlernt („Arne“), der anfangs total nett und toll ist und dann doch nicht so, wie sie es sich gedacht hatte, vor allem in feministischer und emanzipatorischer Hinsicht nicht.

Das Buch war damals Tagesgespräch und überdies Teil der sogenannten „Frauenliteratur“, zu der verschiedene andere Titel gehörten (neben den Werken von Simone de Beauvoir zum Beispiel Verena Stefan und „Häutungen“ oder Gerd Brandenbergs „Die Töchter Egalias“). Bei diesen Büchern ging es sehr stark um das Verhältnis der Geschlechter zueinander und dabei vor allem um die weibliche Sichtweise auf die Dinge. Wie gesagt, das waren die frühen Achtziger.

Das Buch von Anke Stelling hat mich ein Stück an diese Literatur erinnert, obwohl sie etwas hat, was den damaligen Autorinnen irgendwie fehlte: Humor und Witz. Damals ging es meistens todernst zur Sache, ohne jede befreiende Leichtigkeit. Womöglich war die Zeit – oder die Verhältnisse – einfach so gestaltet, dass dafür kein Platz war.

Mit Schrecken stelle ich jetzt aber fest, dass der Terminus „Frauenliteratur“ inzwischen eine ganz andere Bedeutung bekommen hat. Denn im 21. Jahrhundert handelt es sich bei Frauenliteratur nicht mehr um intellektuell anspruchsvolle und gesellschaftskritische Texte, sondern ganz im Gegenteil vor allem um das, was früher mal Liebesromane hieß. Damit also Texte, die tief in die Klischeekiste greifen und Männer und Frauen auf ihre traditionellen Rollenpositionen verweisen: Die schöne, aber unsichere und schüchterne oder vom Leben gebeutelte Frau trifft den erfolgreichen und gutaussehenden Alphamann und fällt ihm gegen Ende des Buchs zitternd vor Erregung in die starken Arme. Ende.

Was soll der Scheiß? Wo bleibt der kritische Blick, das Nachdenken in der Literatur? Brauchen wir das nicht mehr oder findet die Diskussion woanders statt? Oder wollen wir diese Diskussion nicht, weil wir gemerkt haben, dass Frauen zum Kochen und Männer zum Bestimmen gemacht sind? Ist Charlotte Roche die einzige Aufrechte geblieben, die mit Achselhaar und mit Nacktem-Arsch-über-die-öffentliche-Toilettenbrille-rutschen die Selbstbestimmung der Frau erkämpft? – Und ist das ein gutes Zeichen oder ist das eher der Beweis für das mancherorts heraufbeschworene Rollback der Verhältnisse? Ich kann zumindest sagen, dass es beim Einkleiden meiner ersten Tochter vor 25 Jahren mehr Alternativen als rosa und blau gab und dass ich beim Spielzeugkauf nicht in die Mädchenecke musste, da es sie noch gar nicht gab …

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#dbp2015 (2) Mein Jahresliebling

Wie bereits erzählt ist es mir jedes Jahr erneut eine Herzenssache und Challenge, die Longlist des Deutschen Buchpreises herunterzulesen. Oder es zumindest zu versuchen, soweit möglich. Das Aufregende daran: Man weiß nicht, was man lesen wird, ob es Liebes-, Abenteuer- oder Gesellschaftsroman ist, ob klassisch oder experimentell, und wovon das Buch überhaupt handelt. Normalerweise wählt man sich seine Literatur ja nach bestimmten Interessen aus und weiß also, was einen erwartet. Bei der Longlist ist es nicht der Fall und genau das ist für mich einer der ganz großen Anreize. Mal über den Tellerrand hinausgucken, mal von ganz was anderem erfahren. Und einen Querschnitt aus der aktuellen deutschsprachigen Literatur – den überdies ein paar ExpertInnen für gut und lesens- sowie beachtenswert empfunden haben – bekommt man nebenbei auch noch mit!

Das geht dann nicht immer gut aus, manchmal ist es auch so schrecklich, dass man gleich abbricht. Oder man langweilt sich einfach und bricht dann ab.

Mein absoluter Favorit für den Buchpreis 2015 war und ist – dabei weiß ich natürlich, dass ein ganz anderes Buch gewonnen hat – Steffen Kopetzky mit seinem Roman Risiko. Schon lange habe ich nicht mehr so viel Spaß beim Lesen gehabt.

Worum geht es? Auf der Verlagsseite heißt es kurz und knapp: „Steffen Kopetzky hat einen funkelnden Abenteuerroman geschrieben, der auf historischen Fakten beruht. Er folgt einer legendären Afghanistan-Expedition auf der 5000 Kilometer langen Reise und begegnet historischen Personen wie Lucien Camus, dem Vater von Albert, oder Alois Musil, auch genannt Musil von Arabien.“

Und das ist alles nicht einmal gelogen. Aber gleichzeitig ist es vielmehr und alles zusammen. Mein Kommentar vom 05. Oktober bei Facebook lautete dazu: Ein witziges und äußerst unterhaltsames Buch, das richtig Spaß macht, vor allem auch durch die aufregenden kleinen Zutaten am Wegesrand (Camus, Risiko etc.). Unbedingte Leseempfehlung!

Dem ist nichts hinzuzufügen außer: Lesen!

 

#dbp2015 Deutscher Buchpreis 2015

Meine alljährliche Challenge ist die Longlist des Buchpreises. Sobald sie veröffentlich wird, setze ich mich daran und versuche, so viele Titel wie möglich zu lesen. Leider schaffe ich sie nie alle und leider ist es auch oft so, dass die bereits geschafften Titel dann nicht mehr in der Shortlist auftauchen …

Die Shortlist ist dann natürlich die nächste Challenge für mich und wieder der Anspruch, bis zur Bekanntgabe des Preisträgers alle Titel zu lesen.

In diesem Jahr war ich ganz gut mit dem Lesen, allerdings gab es auch da einige Titel, die ich nicht geschafft habe. Einer der Titel ist ganz klar mein Favorit für das – besser: mein – Buch des Jahres 2015. Aber darüber schreibe ich gesondert.

Den Preis bekam dann ja Frank Witzel für „Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969“.

Der Titel hat mir von Anfang an gefallen und der Text ebenfalls. Ich muss allerdings geschehen, dass ich nach rund 100 Seiten mit dem Lesen aufgehört habe, denn ich hatte den Eindruck, dass es sich bei dem Buch zwar um die Umsetzung einer witzigen Idee handelt, es für mich als Leser aber nach 100 Seiten nicht viel Neues zu erwarten gäbe. Womöglich habe ich mich getäuscht, doch die Last der noch zu lesenden Titel – und die Neugierde darauf – überwog und führte zu meiner Entscheidung. Wer es nicht weiß: Das Buch hat einen Umfang von über 1000 Seiten.