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Apokalyptische Landschaften und 1 Lichtblick: das Leben des Mannes (#buchpreis)

Hm, hätte ich es mal nicht bis zum Ende gelesen. Heute Morgen wusste ich noch genau, was ich schreiben wollte, denn der Fall war im Grunde klar. Jetzt aber, nachdem ich die letzte Seite umgeblättert und das Buch beendet habe, jetzt haben sich die Dinge auf einmal geändert und ich bin zutiefst verunsichert.

Michael Kumpfmüller hat eine leichte, eine angenehme Art, die Dinge zu beschreiben, über die er spricht. So hat mir Hampels Fluchten schon sehr gut gefallen und beim Anfang der Erziehung des Mannes hatte mich sein Flow gleich wieder in den Bann gezogen.

Bloß befand ich mich jetzt nicht in einer erotischen Schelmengeschichte, sondern im finstersten Alltagsleid des Protagonisten, des Mannes, der erzählt und leidet: an seinem Vater zuallererst, aber dann auch an den unterschiedlichsten Frauen, die ihn länger begleiten, auch seine Mutter. Doch in erster Linie sind es die Frauen seiner Beziehungs- und Liebesbiographie, an denen er sich sein ganzes Leben – aka vorliegendes Buch – abarbeitet, sich abrichten lässt, eigene Wünsche und Verlangen hintanstellt, ignoriert oder leugnet. Und es trotzdem niemals richtigmacht.

Ich habe mich gequält durch diese Geschichte eines Mannes, bei dem in zwischenmenschlicher Hinsicht irgendwie alles schiefläuft und mich mehr als einmal frustriert und traurig gemacht hat. Wäre nicht die Leichtigkeit der Sprache und des Schreibens gewesen, ich hätte es mir nicht bis zum Ende angetan und das Buch viel früher in die Ecke geworfen.

Habe ich aber nicht und bin sehr froh darüber. Im letzten Abschnitt des dreigeteilten Buches geht nämlich die Sonne auf, der Protagonist kommt zur Ruhe, findet seinen Frieden mit den drei Kindern, beginnt eine Beziehung mit seiner ersten Liebe – zum ersten Mal eine durchgängig respektvolle, auf gegenseitiger Wertschätzung beruhende Beziehung zweier ebenbürtiger Menschen – und kommt zu dem Schluss, dass seine Erziehung wohl jetzt abgeschlossen sei. Übrigens, da ist er schon fast siebzig, als er diese Erkenntnis äußert. Und dem Titel des Buches seinen Sinn und seine Bedeutung gibt.

Vorher habe ich mir mehrfach die Frage genau danach gestellt, ob es um den Mann als solchen geht, dieser hier stellvertretend für das Geschlecht auf der Suche nach selbst den Leidensweg entlangzuwandern hat, oder ob es einfach eine Geschichte über einen Mann ist.

Doch dieser Mann hat offenbar Modellcharakter, er ist der moderne, der verständnisvolle, der passive, der zurücksteckende Mann, der das Tier in sich nur noch leise schnurren hört (und der sich wundert, wenn eine der Freundinnen auf seine Frage nach körperlicher Liebe im Nachhinein meint, dass er sie sich vielleicht einfach hätte nehmen sollen).

Offenbar kommt keines der beiden Geschlechter so richtig mit dem neuen, dem rollenflexiblen Dasein zurecht, doch das Leiden scheint stärker bei den zahn- und mutlosen Männchen zu sein.

Schöne Momente, Augenblicke der Heiterkeit tauchen im Leben des Helden keine auf. Die einzigen Lichtblicke sind kurze Begegnungen mit – na klar, was sonst – Frauen, zu denen es jedoch keine tieferen, längeren, intensiveren Beziehungen gibt, aus welchen Gründen auch immer. Die anderen Frauen, mit denen er Kinder hat oder viel Zeit verbringt (gemeinsames Wohnen etc.), das sind die Mühlsteine um seinen Hals, während er durchs Leben schwimmt.

Doch das Ende – wie gesagt, das Ende ist versöhnlich, das Ende ist gut. Und da wusste ich auch, warum dieser Titel auf der Longlist steht. Während der letzten dreißig Seiten wurde das Bild klar, das Herz weit, die Hoffnung gestärkt. Davor war alles finster und elend.

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(#jdtb16) Yee-haw! ruft (mich) die Prärie …

Es gibt Dinge, die bleiben unerklärlich. Dazu gehört definitiv die Faszination für den Wilden Westen, für Cowboys und Indianer, für die weite Steppe und die Bohnenpfanne am Lagerfeuer. – Und dazu gehört auch die Frage, warum sich jetzt wahrscheinlich nur die halbe Menschheit angesprochen fühlt.

Ich habe als Kind eine Menge Karl May gelesen, Lederstrumpf und Tecumseh, später dann alle Western gesehen, die mir vor die Flinte kamen. Als Student in der mündlichen Abschlussprüfung Westernfilme als Thema gehabt und mich anschließend immer wieder über neue Western gefreut, die hin und wieder in die Kinos kamen (Dead Man, Cold Mountain, Hi-Lo County, etc.). Und natürlich mit Begeisterung die Musik von Hank Williams und Johnny Cash genossen, was auch heute noch gilt.

Literarisch habe ich mich schon seit Ewigkeiten nicht mehr mit dem Thema beschäftigt (mit einer Ausnahme: Die literarische Vorlage der HBO-Serie „Deadwood“ hat mir in schweren Zeiten das Leben versüßt) und mich auch gar nicht auf die Suche danach gemacht.

Und gerade dann, wenn man gar nicht damit rechnet, genau dann erwischt es dich mit Haut und Haaren!

„Stoner“, das andere Buch von John Williams, hat mir schon viel Freude gemacht. Die reduzierte, nüchterne Sprache und dazu die Geschichte eines wortkargen, in sich gekehrten Mannes – der dann Literaturprofessor wird! – hat mich ein paar Tage beschäftigt.

Doch die für mich wohl beeindruckendste Lektüre hat mir „Butcher’s Crossing“ beschert. Es ist schon eine Weile her, dass mich ein Buch so in seinen Bann gezogen hat und mich mit der Hauptfigur mitfiebern ließ.

Und auch hier ist es die fantastische, reduzierte Sprache von Williams (großartig übersetzt von Bernhard Robben), die dem kundigen Auge sofort in selbiges fällt. Den Rest besorgen die Story und ihre Darsteller. Das ist die Story (Klappentext von dtv):

„Es war um 1870, als Will Andrews der Aussicht auf eine glänzende Karriere und Harvard den Rücken kehrt. Beflügelt von der Naturauffassung Ralph W. Emersons, sucht er im Westen nach einer »ursprünglichen Beziehung zur Natur«. In Butcher’s Crossing, einem kleinen Städtchen in Kansas, am Rande von Nirgendwo, wimmelt es von rastlosen Männern, die das Abenteuer suchen und schnell verdientes Geld ebenso schnell wieder vergeuden. Einer von ihnen lockt Andrews mit Geschichten von riesigen Büffelherden, die, versteckt in einem entlegenen Tal tief in den Colorado Rockies, nur eingefangen werden müssten: Andrews schließt sich einer Expedition an, mit dem Ziel, die Tiere aufzuspüren. Die Reise ist aufreibend und strapaziös, aber am Ende erreichen die Männer einen Ort von paradiesischer Schönheit. Doch statt von Ehrfurcht werden sie von Gier ergriffen – und entfesseln eine Tragödie. Ein Roman darüber, wie man im Leben verliert und was man dabei gewinnt.“

Das Buch hat alles, was ein richtiger Western braucht: Revolver, Pferde, Büffel, Männerfreundschaften, Alkohol, Obsessionen, die Liebe zu einer Prostituierten. Und es geht um die großen existenziellen Fragen des Lebens. – Für mich steht fest, dass ich dieses Buch noch öfter lesen werde!

Und nur am Rande: Mir fallen auf Anhieb eine ganze Handvoll Leute ein, denen ich das Buch als unbedingte Lektüre empfehlen werde. Seltsamerweise ist darunter keine Frau … Warum?

(#jdtb16) Der Flow des Lebens – Karl Ove Knausgårds Kampf

Es gibt Dinge, an denen kommt man nicht vorbei. Häufig sind es dann auch noch solche, von denen man gar nichts wissen will, weil sie einen nicht interessieren, weil sie belanglos sind, weil sie einfach nur doof sind. Trotzdem weiß ich, dass es vor kurzem wieder das Dschungelcamp gab und so ungefähr, wer dabei war. Ich weiß auch, dass Helene Fischer aus der ehemaligen Sowjetunion stammt, einen Hit namens „Atemlos“ und außerdem sehr viel Erfolg hat. Um diese Informationen habe ich mich nie beworben, wollte alles das gar nicht wissen, weiß es trotzdem.

Manche Themen liegen einfach in der Luft, man erfährt ungefragt von ihnen, lässt sie eine Weile links liegen und versucht, sie zu ignorieren. Wie gesagt, das klappt nicht immer, selten oder eher überhaupt nicht. Bei manchen wird man dann irgendwann einfach weich/neugierig und gibt nach und schaut sie sich mal aus der Nähe an.

Ein solcher Fall ist für mich ganz klar Karl Ove Knausgård. In allen Feuilletons und Kultursendungen habe ich von und über ihn gehört und jetzt – endlich und ein bisschen auch, weil es das Jahr des Taschenbuchs (#djtb16) gibt – habe ich das erste Buch von ihm gelesen: „Sterben“, Band eins aus dem sechsbändigen Romanzyklus „Mein Kampf“ (so heißt es im norwegischen Original). Die anderen bereits auf Deutsch veröffentlichten Bände heißen übrigens „Lieben“, „Spielen“ und „Leben“ (die mich vom Titel her viel mehr interessiert hätten, doch ich wollte den ersten Band lesen!).

Es passiert nicht viel in diesem 600 Seiten starken Buch. Nur das Leben. Sein Leben. Dabei ist nichts bei diesen Beschreibungen besonders dramaturgisch aufbereitet, es gibt keine großartigen Spannungsbögen, keine aufregenden Dinge, die geschehen. Dennoch entwickelt das Buch beim Lesen einen unglaublichen Sog, der einen nicht mehr loslässt. Und gegen Ende stockt dem Leser dann doch das eine oder andere Mal der Atem.

Wenn man fragt, wovon der Roman handelt, dann muss man also sagen: Vom Leben und vielleicht noch von der Vergänglichkeit des Lebens und vom Sterben. Es gibt essayistische Teile, es gibt detailgetreue Schilderungen von Szenen aus der Kindheit des Erzählers, Momente mit seinem Bruder und seinem Vater – der im Buch übrigens eine wichtige Rolle spielt.

Spreche ich vom Erzähler, dann fallen mir gleich alle Theorien meines Studiums wieder ein und die damals – bei manchen Professoren – angesagte Vorgabe, den Erzähler strikt vom Autor zu trennen und auf keinen Fall den letztgenannten im Werk zu suchen oder gar Rückschlüsse vom biographischen Hintergrund des Autors auf den Inhalt und die mögliche Bedeutung des Textes zu ziehen.

Bei Knausgård stellt sich dagegen fast die umgekehrte Frage, nämlich ob hier überhaupt etwas bearbeitet wurde oder ob er nicht direkt aus seinen Erinnerungen kopiert und aufgeschrieben hat. Und natürlich muss man sofort widersprechen, denn der Text ist ja kein transkribierter Mitschnitt der Tonspur seines Lebens, sondern eine Kollage ausgewählter Erinnerungen, Überlegungen, Gedanken, Dialogen, erstellt, komponiert und verfasst von einem Mann jenseits der vierzig. – Es geht bei der Be- und Verarbeitung also um die Form, weniger um den Inhalt, denn dieser ist (höchstwahrscheinlich) nicht der Fantasie des Autors entsprungen – wie man es bei Tolkien oder Rowling kennt.

Oder vielleicht doch? Stellen wir uns vor, Knausgård hat all das erfunden, die Personen und Ereignisse, die sich in dieser Form niemals zugetragen haben. Möglich wäre es, wenn man die Details aus dem Wikipedia-Eintrag einfach mal ignoriert.

Die spannende Frage an dieser Stelle: Spielt es für den Leser eine Rolle, ob die Story dieses Romans (Roman! Nicht Autobiographie) erfunden oder erlebt und dann geschickt komponiert und aufgeschrieben ist. Verändert es unsere Rezeption? Ich denke nicht. Wir lesen und ziehen Parallelen zu eigenen Erfahrungen, dem eigenen Leben und Erleben, nicken zustimmend oder schütteln ablehnend den Kopf, schlagen uns entgeistert mit der flachen Hand gegen die Stirn oder lachen schenkelklopfend los. Egal, ob die Geschichte authentisch ist, oder nicht. Das ist der Kniff, der das Ganze spannend macht. Und ob die Dinge, die ich erlebe, real und echt sind, das spielt doch auch fast keine Rolle. Außerdem ist realistisch kein Entscheidungskriterium, wenn es um Kunst geht. Und ob mein Leben realistisch ist … hm, keine Ahnung, ich kenne nur das hier.

Mord und Totschlag usw. … und da war noch was

Gut, dass wir hier unter uns sind und es sich um einen Blog handelt und nicht um das Feuilleton. Also auch nicht um Literaturkritik im klassischen Sinn, sondern um Literaturkritik im modernen Sinn von Web2.0, subjektiv und aus dem eigenen Nabel heraus. – Das muss zur Einstimmung genügen … (orakelte er).

Ich habe gerade zwei Bücher beendet, die sich gut verkaufen/verkauft haben und deren Verfasser mittlerweile auch bekannt und damit erfolgreich sind. Das eine heißt „Pretty Girls“ und ist von Karin Slaughter, das andere „Abgeschnitten“ von Sebastian Fitzek und Michael Tsokos.

Beide sind gut geschrieben und verdammt spannend, der Verkaufserfolg ist völlig wohlverdient. Auf den Inhalt möchte ich nicht weiter eingehen, nur soviel: Es geht um entführte und missbrauchte und ermordete Mädchen und um fiese, böse und perverse Männer. Und ein paar gute natürlich auch.

Stattdessen möchte ich darlegen, warum ich keine weiteren Bücher der beiden lesen werde, obwohl ich sehr gut unterhalten wurde und die Bücher nur schwer aus der Hand nehmen konnte, als ich mitten drin war.

Ich habe nämlich überhaupt keine Lust, über das erfundene Böse in allen erdenklichen und vorstellbaren Facetten und Nuancen zu lesen. Meist trägt zwar am Ende das Gute den Sieg davon und das Böse stirbt oder wird verhaftet, doch allein schon die detaillierte Schilderung von fiesen, gemeinen und Übelkeit erregenden Dingen ist etwas, mit dem ich nicht meine Zeit verbringen will. Es gibt genug Übles auf der Welt, da muss ich nicht noch ausgedachten Gräueltaten folgen. Ein bisschen habe ich auch den Verdacht, dass es Menschen verändert, wenn sie sich permanent mit solchen Sachen beschäftigen (womit ich nicht sagen will, dass Computerspiele zur Gewalt verleiten oder Pornofilme zur Vergewaltigung). – Es gab eine Zeit, in der ich verstärkt Horrorfilme konsumiert und mich am eigenen Schrecken erfreut habe. Bis ich schließlich auf Filme traf, in denen die Gewalt in keinen Kontext eingebettet, sondern nur aus der schlichten Freude daran exzessiv dargestellt wurde. „Hostel“ war für mich der Wendepunkt, ein Film, in dem junge amerikanische Touristen in Osteuropa entführt und gegen Geld von reichen Männern zu Tode gequält werden. Die Gesellschaftskritik war natürlich einerseits vorhanden, andererseits wirkte es wie ein Deckmäntelchen, um die reine Freude am Splatter zu kaschieren. Die späteren Folgen der „Saw“-Reihe gehen für mich in die gleiche Richtung.

Ich muss ehrlich sagen: Wenn ich die Wahl habe bei Medien, die an meine niederen Instinkte appellieren, dann schaue ich mir lieber gleich Pornofilme an. Da geht es immerhin um positive Dinge, nämlich ums „Liebemachen“.

Kein einziges Mal habe ich mich dabei ertappt, wie ich beim Lesen ein Lächeln auf dem Gesicht hatte und verträumt aus dem Fenster geschaut habe oder nachdenklich geworden bin, dass ich noch Stunden später in Gedanken dabei war.

Fitzek und Slaughter sind gute AutorInnen, gar keine Frage. Ich bin auch der festen Überzeugung, dass zum Beispiel Stephen King ein super Autor ist. Trotzdem werde ich keines seiner ziegeldicken Bücher lesen, aus einem ganz banalen Grund: Mir ist die Zeit zu kostbar. – Ich halte fast alle Filme nach Büchern von Stephen King für großartig bis fantastisch und bin mir sicher, dass die literarischen Vorlagen bestimmt noch besser sind. Trotzdem lasse ich es bei den Verfilmungen bewenden, denn 90 bis 120 Minuten sind genau die richtige Menge Zeit für perfekte Unterhaltung. 700 Seiten in einem Buch dagegen steht für einen gewaltigen Mehraufwand an Lebenszeit, und die möchte ich lieber anders verbringen.

Dass ich nicht falsch verstanden werde: Ich bin kein Vertreter des „Literatur und Kunst allgemein muss das Schöne und Wahre im Menschen, im Leben und der Welt lobpreisen und zelebrieren“, auf gar keinen Fall. Ich würde mich wohl zu Tode langweilen. Aber Mord und Totschlag und Folter und Vergewaltigung zum Zeitvertreib? Ach ne, das ist mir dann doch zu blutig und zu einseitig und zu flach und irgendwie wohl auch zu öde … – Und vor allem: Es bringt mir nix! Keinen Mehrwert, nichts zum Grübeln oder Nachdenken, zum Überdenken womöglich des eigenen Lebens und den Konzepten von Mensch und Gesellschaft und Liebe und Leben und Sterben und Sein und Haben. Aber genau das will ich! Von Literatur! Oder, wenn ich bescheiden sein will, mich wohlfühlen und Freude daran haben, auf der Welt zu sein und zu atmen und zu leben. Genau das will ich nämlich! Vom Leben!

(#jdtb16)Ein Buch, das nicht viele Worte macht über einen, der auch nicht viel redet (und ganz toll ist, mich aber trotzdem genervt hat)

Bin ich wohl mit Leib und Seele wieder voll drauf reingefallen, auf die Naturkind-Schweiger-Raues-Leben-Romantik-Schiene. Habe es genossen, keine Frage, aber das ist ja das Perfide an diesem Genre (oder an Literatur überhaupt?): Wenn sie gut ist, dann reißt sie dich mit. Wenn du Glück hast, dann geschieht das mit Themen, die du voll und ganz unterschreibst und als für dich passend abgeheftet hast. Na, und wenn du Pech hast, dann kriegt sie dich trotzdem, doch du reibst dir nachher verwundert über den Kopf und merkst, dass du mal wieder in die Falle gelaufen bist.

Worum geht es? Robert Seethaler hat mit markanter Sprache, wenig und wohlgewählten Worten und dem richtigen Tonfall, ein Buch geschrieben, das eine Menge zufriedener Leser gefunden hat. Ich hatte das Buch eigentlich nicht auf meinem Einkaufszettel, habe es dann aus eher banalen Gründen ins Körbchen gelegt (ich mache mit bei der Jahr-des-Taschenbuchs-Challenge – #jdtb16 -, d.h. ich kaufe und lese jeden Monat ein Taschenbuch. Für den Monat Februar hatte ich mir ein etwas dickeres Buch angeschafft, bin dann aber aufgrund anderer Leseverpflichtungen nicht zur Lektüre gekommen und brauchte nun schnell ein dünnes Werk, weshalb ich auf Seethaler verfiel …).

Es geht in dem Buch „Ein ganzes Leben“ um das Leben eines einfachen Bergjungen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Er ist Pflegekind bei seinem Onkel, hat es entsprechend nicht leicht und schlägt sich mit Hilfsarbeiterdiensten durchs Leben, lernt die Liebe kennen und stirbt am Ende des Buches. Das alles geschieht auf knapp 200 dünn beschriebenen Seiten und ist eine schöne Geschichte, die man gemütlich an einem Abend wegnaschen kann.

Aber halt, wieso ist das eine schöne Geschichte? Was gefällt mir an einem schweigsamen Mann, der sich entbehrungsreich durch ein Leben in der Natur kämpft? Eigentlich finde ich doch das Leben in der Natur gar nicht so toll – außer im Urlaub mit den dazugehörigen angenehmen Seiten wie Wellness, Frühstücksbüffet und Kingsize-Bett mit Flatscreen an der gegenüberliegenden Wand. Und schweigsame Menschen muss ich auch nicht um mich haben, ganz im Gegenteil, ich will reden und zuhören und diskutieren und austauschen. Obendrein sind mir Menschen ohne Bücher im Zweifelsfall eher suspekt, denn oft sind das Menschen ohne noch eine ganze Menge anderer Eigenschaften, wie Esprit, Kultur, Meinung, Ideen oder einfach Neugierde. Und die können mir gut und gern gestohlen bleiben.

Also lieber Herr Seethaler: Das Buch ist klasse geschrieben, die Sprache ein Gedicht. Und die Geschichte hat mich auch fasziniert und gefesselt von der ersten bis zur letzten Seite. – Mein Thema ist das trotzdem nicht und ich will auch nicht zurück in die Natur und auch kein Naturbursche werden und finde das alles auch überhaupt nicht nachahmenswert und sehne mich auch nicht danach. Und: Nein, ich werde mir definitiv keinen Schrebergarten zulegen, auch wenn das derzeit alle Menschen in meinem Umfeld hier in Berlin tun! Ein Garten ist toll, wenn ich darin einen Liegestuhl und ein danebenstehendes Tischchen mit Drink und ein paar Keksen darauf und einem Stapel Bücher darunter sehe. Bitte verschont mich mit Unkrautjäten und Rasenmähen und Heckenschneiden und was-nicht-noch-alles! Ich liebe die Großstadt, das Geschwätz und alles, was ich dort finden kann, die Häuser mit ihren Kinos und Museen und Theatern und Cafés und Spelunken!

Lakonien ist in Griechenland – doch der Großmeister lebt in den USA

Wenn man vierundvierzig ist und ein sarkastischer Bastard, dann wird man mit achtundsechzig entweder zum Glauben gefunden haben und lammfromm, lieb und langweilig sein, oder man wird zum Großmeister des lakonischen Kommentierens. Meine Damen und Herren, wir präsentieren den voll ausgereiften Frank Bascombe.

Nachdem ich zuletzt – versehentlich – den Pulitzerpreistitel „Unabhängigkeitstag“ von Richard Ford gelesen und lieben gelernt hatte, war ich ausreichend angefixt, mir auch die neuste Veröffentlichung dieses Autors vor die Lesebrille zu stellen: „Frank“, frisch erschienen und vom Umfang nur ein Drittel des erstgenannten Buches. Frank ist jetzt schon länger verheiratet – mit der Frau, die im Unabhängigkeitstag seine Freundin ist, wobei sie da eher den Status der On-and-Off-Freundin hatte – und genießt das Leben als Rentner. Er hat Begegnungen mit Menschen auf der Suche nach der eigenen Vergangenheit oder direkt aus seiner Vergangenheit. Das ist eins der großen Themen, der Tod ein anderes. So räumt er freundestechnisch in seinem Leben auf und „trennt“ sich von unnötigem Ballast (was er übrigens auch bei seinem Vokabular macht und eine große Anzahl unanständiger Ausdrücke ausmustert). Denn: „Wenn man alt wird, (…) lebt man sowieso weitgehend inmitten der Anhäufungen seines Lebens. Es passiert nicht mehr viel, außer an der medizinischen Front. Da empfehle ich Rückbau.“

Außerdem macht er sich so seine Gedanken über das Leben, den Alltag und andere Dinge: „Wenn man wüsste, was genau Frauen attraktiv macht, wäre alles ganz, ganz anders.“ Wer kann dem nicht zustimmen?

Am Ende hat er ein Gespräch mit dem schwarzen Öllieferanten eines alten Freundes, den er auf der Straße trifft. Der berichtet ihm, dass er jetzt spanisch lernt, da in seiner Gemeinde so viele Menschen sind, die kein Englisch können. Und mit dem Gespräch ist der Tag gerettet, wie er feststellt. Und das Buch zu Ende. Und ich habe jetzt gespoilert, oder? Dabei gibt es in diesem Buch nichts zu verraten, denn es gibt nichts aufzudecken. Außer: Das Leben ist schön, auch wenn nicht viel passiert! Für alle, die es nicht gewusst haben.

Alltag is King – oder: Frank, der König der Banalität

(Achtung: Mäandermodus!)

Ich liebe es, fiktionale Figuren über mehrere Werke hinweg zu begleiten (genauso, wie ich es übrigens auch liebe, reale Figuren/Personen über mehrere Jahre und Jahrzehnte hinweg zu begleiten: Schulfreunde und Arbeitskollegen, ehemalige Partnerinnen und Bekannte. Klappt nicht immer, geht auch nicht immer gut aus, ist mir trotzdem wichtig). Das begann wahrscheinlich mit den Kinderbüchern von Enid Blyton und den Drei Fragezeichen und setzte sich in meinem Erwachsenenleben fort mit dem großartigen Film „Die letzte Vorstellung“ von Peter Bogdanovich, der in den 50er Jahren spielt und seiner Fortsetzung „Texasville“ in den frühen 80ern mit denselben Darstellern (unter anderem den fantastischen.

Also war es nur logisch, endlich ein Buch von Richard Ford zu lesen, der mittlerweile schon vier Bände über den/seinen Antihelden Frank Bascombe verfasst hat.

Frisch auf dem Buchmarkt ist derzeit „Frank“. Ich habe mich aber für „Unabhängigkeitstag“ entschieden, weil es das als Taschenbuch gibt und weil Frank da ungefähr so alt ist, wie ich es jetzt bin (gibt es einen Grund, der noch bescheuerter sein kann, um ein Buch zu lesen? (Hm, keine Ahnung, aber erinnert mich an die Schulfreundin, die nur noch Bücher von Autorinnen las, da diese ihrer Weltsicht eher entsprachen und ihr mehr zusagten. Fand ich schon damals schräg, denn ist es nicht spannender, eben aus einer anderen Perspektive zu sehen und wahrzunehmen)). Wie ich erst jetzt feststelle, hat er für dieses Buch auch den Pulitzerpreis erhalten (und ich bin ein ignorantes Arschloch …, dass ich das nicht gewusst habe).

Um ein Haar hätte ich das Buch nach 150 Seiten weggelegt (wie übrigens auch den letztjährigen (2015) Preisträger des Deutschen Buchpreises (upps!), bin dann aber doch drangeblieben und habe irgendwann begonnen, den Flow des Buches aufzunehmen und mich davontragen zu lassen. Das Problem bei solchen Flow-Erfahrungen ist häufig, dass man sich hinterher an nichts erinnern kann. Ganz so schlimm ist es nicht, doch ich muss die Existenz gewisser Lücken anerkennen und eingestehen.

Frank ist 44, Immobilienmakler aus schicksalshaften Gründen, geschieden und im Haus seiner Exfrau wohnend und verbringt mit seinem Sohn (15) ein paar Tage Anfang Juli auf einer kurzen Tour zu Sportgedenkstätten (sagt man so zur Baseball Hall of Fame oder zur Basketball Hall of Fame). Irgendwie ist alles ganz schrecklich belanglos und völlig ohne jede Spannung. Doch Franks lakonische Sicht auf die Dinge und sein ebenso lakonischer Umgang mit dem Leben und seinen Unwägbarkeiten haben mir von Seite zu Seite besser gefallen.

Einmal musste ich sogar lachen! Frank ist mit Paul, dem Sohn, auf dem Gelände der Baseball Hall of Fame und es gibt dort Käfige, wo mit unterschiedlichen Wurfgeschwindigkeiten das Abschlagen simuliert wird. Frank will seinem eher antriebs- und lustlosen Sohn zeigen, was ein ganzer Kerl ist und geht in einen der Käfige, nimmt sich den bereitliegenden Schläger und stellt sich in Position. Während er da steht und die richtige Haltung einnimmt, hört er: „Nun guck dir das Arschloch an.“

Was mich allerdings ständig aus dem Flow der Geschichte – hm, kann man gar nicht so sagen, denn Handlung oder Geschichte gab es eigentlich sehr wenig – gerissen hatte, dass waren die Anrufe Franks von öffentlichen Münzfernsprechern, um seinen Anrufbeantworter abzuhören. Das Buch spielt 1988 und genau in diesen Momenten merkt man es (es gibt noch mehr, z.B. der amerikanische Wahlkampf und Musik, die gehört wird, doch nichts ist so verwirrend wie die Verwendung antiquierter Technologien. Wahrscheinlich noch irritierender als die Frisuren und Kleidung von Verwandten auf Bildern aus den 70-er Jahren bzw. Spielfilme aus der Zeit.).

Und irgendwann merkt man dann auch, dass Frank eigentlich eine richtig coole Socke ist, den im Grunde nichts umhaut (außer vielleicht ein kräftig geworfener Baseball), denn mit seiner fatalistischen Grundhaltung pariert er jeden Schicksalsschlag mit einem Schulterzucken (hm, da gab es neulich eine Diskussion unter Übersetzern und Textern, ob denn der Ausdruck Achselzucken zu verantworten sei, schließlich seien es doch die Schultern …). Und alle Lebenskatastrophen haben zwar manchmal Auswirkungen (Scheidung, Wohnungswechsel, Tod), ändern aber am großen Flow nicht wirklich etwas.

Das gilt wahrscheinlich in den USA der 80er Jahre genauso wie im Deutschland des zweiten Jahrzehnts im dritten Jahrtausend. Oder?

Refugees … hm, wie war das?

Das Mädchen ist gerade fünf Jahre alt, als sie an der Hand ihrer Mutter in Deutschland ankommt. Ihr kleiner Bruder ist auf der Flucht verstorben und zurückgeblieben. Bei ihrer Ankunft werden sie nicht mit offenen Armen empfangen, sondern als Fremde beschimpft. Unterstützung – ein Dach über dem Kopf und etwas zu Essen – erhalten sie nur wenig und widerwillig.

Das ist der Anfang des bereits schon länger auf der Bestenliste stehenden Buches „Altes Land“ von Dörte Hansen. Die Handlung beginnt übrigens im Jahre 1945, habe ich das erwähnt? Und das Mädchen kommt mit ihrer Mutter aus Ostpreußen, von wo sie vor der Roten Armee geflüchtet ist, wie viele andere. Wäre das Buch vor ein paar Jahren (sagen wir zwei) erschienen und gelesen worden, dann wäre es wahrscheinlich um eine Rezeptionsseite ärmer dahergekommen. Es wäre eine Geschichte über die verlorene Generation der Flüchtlingskinder, die nach abenteuerlicher und teilweise mörderischer Flucht aus den ehemals deutschen Ostgebieten schwer traumatisiert im Westen angekommen ihr ganzes Leben mit dieser Bürde im Herzen und der Seele verbracht haben.

Zugleich wäre es auch die Geschichte der Aneignung von neuer Heimat, des Sich-zu-eigen-Machens der Gegend, in die man durch die Flucht gelangt ist. Und zuletzt wäre es auch das Porträt einer typisch norddeutschen Kulturlandschaft und seiner Menschen und Traditionen, hier die Altes Land genannte Region bei Hamburg. Damit ist Dörte Hansen ein faszinierender Roman gelungen, der neben dem Lebensschicksal des Flüchtlingskindes Vera durch geschickte Verknüpfung auch einen nicht ganz ironiefreien Blick auf die modernen Probleme junger Frauen wirft am Beispiel von Anne, Veras Nichte, die nach der Trennung vom Vater ihres Kindes die Vollwert-Behaglichkeit von Hamburg-Ottensen verlässt und aufs Land ins alte Haus zu ihrer Tante zieht.

Weil das Buch aber im Jahre des großen Flüchtlingsstroms 2015 geschrieben und jetzt gelesen wird, handelt es auch immer von Flucht und Vertreibung, von der Not der Entwurzelten und dem Widerstand – oder zumindest Widerwillen – der Ansässigen, der Eingesessenen. Da gibt es wieder die verwundeten Seelen, die Kinderaugen, die Entsetzliches gesehen haben, die Hungernden und die, die alles verloren haben außer dem, was sie am Leibe tragen. Von Sprache und Kultur, von Tradition und Überliefertem ganz zu schweigen. Und es gibt wieder die anderen, die ihre Türen verschließen und die Arme über ihr Hab und Gut ausbreiten und sich dem Mitleid widersetzen. Dabei sind viele von ihnen auch Kinder und Kindeskinder von Geflüchteten, von Heimatlosen, doch wie schnell vergisst man das eigene Elend, wenn es weit genug zurückliegt und da jemand kommt, der auf einmal auch ein Stückchen von dem Kuchen will.

Ein nachdenklich machendes Buch, das vieles in sich vereint und neben einem Stück deutscher Geschichte auch einen Blick auf die deutsche Gegenwart wirft.

Der Mittelpunkt der Welt: Ich

Die ganze Welt dreht sich um mich, ich stehe im Zentrum des Geschehens. Immer, egal was passiert. Und für mich existiert eigentlich auch nur das, was ich wahrnehme, also sehe und höre – und erfahre. Dabei ist der Egozentrismus in des Wortes eigentlicher Bedeutung eine ganz normale und selbstverständliche Sicht auf das Leben und die Dinge, eine andere hat man schließlich (zunächst einmal) nicht. Das Hineinversetzen in andere Menschen und mögliche Nachvollziehen ihrer Beweggründe und Handlungen ist möglich, aber nicht von Natur aus gegeben – und offenbar auch nicht jedem.

Benny ist sechzehn und ins Koma gefallen. Seine Angehörigen, Freunde und Bekannten kommen ins Krankenhaus, um sich nach ihm zu erkundigen. Sie reden mit ihm, weil das angeblich seinen Zustand verbessert, halten seine Hand und verbringen Zeit an seinem Krankenbett. Steht Benny mit seinem Zustand anfangs noch im Mittelpunkt des Geschehens, so rückt er bald immer stärker in den Hintergrund und die vielfältigen Beziehungsstränge der Menschen in seinem Leben bestimmen das Bild. Seine getrennt lebenden Eltern und ihre neuen Partner und deren alte Lebensgefährten, die Großeltern, Onkels und Tanten, die Lebensgeschichten setzen sich fort und erfahren zum Teil dramatische Veränderungen und Wendungen. Und so verändert sich auch unser Bild von den einzelnen Personen. Waren sie zunächst definiert durch ihr Verhältnis zum komatösen Benny – und waren damit nur das, was sie für ihn darstellten, also Mutter oder Großvater etc. -, so werden sie schließlich zu vielschichtigen Wesen mit bunten Beweggründen, Wünschen und Absichten.

Und zu Benny heißt es dann nur noch: „Irgendwas Neues?“ – Aber Benny kann es auch egal sein, er liegt schließlich im Koma. Wenn zu Beginn noch alle Alltagssorgen banal und blass gegenüber der Schwere seiner Situation erscheinen, so dreht sich auch hier die Wahrnehmung und das einzig Stabile ist auf einmal nur noch der Komapatient in einer Welt, die von brüchigen – und zerbrechenden – Beziehungen, Lügen und falschen Eitelkeiten bestimmt wird. Würde Benny jetzt aufwachen, dann würde er anfangs sicher Schwierigkeiten haben mit der Welt um ihn herum, die nicht mehr die alte ist. Aber wird er wach?

Eine grandiose Idee, die der Autor Bernd Schroeder in seinem Buch „Wir sind doch alle da“ auf knapp 180 Seiten vor dem Leser entwickelt und ihm dabei auch die Vielschichtigkeit des ganz normalen Lebens vor Augen führt.

Und wenn ich auch der Mittelpunkt der Welt bin und bleibe – na klar, wer sonst? -, so muss ich doch erkennen, dass das für alle anderen ebenso gilt … und die Welt damit doch etwas komplexer ist, als man annimmt.

Schon wieder Strichstrich Frauenliteratur Strichstrich? Und sagt man wirklich Fifty Shades für Anfänger …

Die eine wichtige Frage muss gleich zu anfangs einmal gestellt werden: Ist nicht im Grunde jede Literatur Frauenliteratur? Schließlich waren es doch immer Frauen, die lasen. Und zwar immer in signifikant höherer Zahl als Männer. Und selbst heute, im Science-Fiction-Zeitalter des 21. Jahrhunderts sind die Seminarsäle aller philologischen Fakultäten in überwiegender Mehrzahl von weiblichem Personal bevölkert. – Wenn es also zwar auf der einen Seite eine ganze Menge Männer gibt, nämlich bei den Produzenten von Literatur, den Schriftstellern – wobei das wahrscheinlich auch noch relativiert werden muss, wenn man genau nachdenkt und der Theorie der HIStory vertraut, so ist doch auf der Empfänger-/der Rezipientenseite ein eindeutiger Überhang der Doppel-X-Chromosomträgerinnen auszumachen. Man könnte also sagen, dass Literatur zu allererst und vor allem für Frauen geschrieben wird, es sich also immer um Frauenliteratur handelt.

Wenn damit die Logik nachvollziehbarer Überlegungen (mal wieder) ganz auf meiner Seite ist, so bin ich doch zugleich ein wenig unglücklich, denn dorthin wollte ich eigentlich nicht. Sondern zurück in die 80er Jahre und zu meiner bereits an anderer Stelle geäußerten Feststellung, dass die Frauenliteratur auch nicht mehr das ist, was sie mal war. Es wird nicht mehr reflektiert über die Gesellschaft und vor allem über Rollenverhalten und -zuschreibungen und ihre Verhältnisse mit- und zueinander. Oh, wie habe ich diese Bücher damals mit Heißhunger verschlungen und dabei den Eindruck gehabt, so einiges zu erfahren und zu lernen über das unbekannte Wesen Frau (oder Mädchen).

Heute lernt man in der Frauenliteratur, dass brave und anständige Frauen alle auf wilde und böse Jungs stehen oder zumindest auf Draufgänger, die sich nehmen, was sie wollen (und die Frauen offenbar auch). Sei nur nicht der Frauenversteher oder Freund, denn dann kannst du zwar mit Frauen Liebesfilme gucken und Einkaufen gehen, aber wechselseitig die Leiber zum Ver- und die Herzen zum Schmelzen bringen lassen andere.

Einmal ist es die junge Studentin und der erfolgreiche Geschäftsmann Grey – eigentlich ja schon fast der Übermensch von einem Mann, der mit so vielen Erfolgsklischees behaftet ist, dass es schon fast nicht mehr schön ist. Und jetzt ist es die biedere Collegestudentin und der verwegene ausländische (!) Student mit Tattoos und Piercing, der im Unterschied zu dem langjährigen Freund das Herz der jungen Tessa („nenn mich nicht Theresa!“) hüpfen lässt.

Das Buch ist unterhaltsam, ohne Verlangen nach hochliterarischen Ansprüchen flüssig geschrieben und mit einer nett dahinfließenden Story versehen. Damit ist es in meinen Augen sogar besser als die berühmten 50 Shades (von denen ich allerdings nur den ersten Teil gelesen habe). Angesichts des Umfangs und der Anzahl der Fortsetzungen habe ich nach knapp 250 Seiten aber die Lektüre beendet, denn es gibt nichts, was ich noch zu bekommen erwarte, was ich nicht bereits in der ersten Hälfte des ersten Bandes erhalten habe. Okay, womöglich wird die Protagonistin im Verlauf dieses ersten Bandes noch ihre Unschuld verlieren, was ich ihr von Herzen gönne, doch so richtig interessieren tut es mich nicht. – Womöglich aber wird auch dies nicht ohne Hindernisse vor sich gehen, wie es auch bei ihrem ersten Cunnilingus nicht direkt klappt (sie soll ihm sagen, dass sie von ihm geleckt werden will … – was sie natürlich nicht tut, und was er sich eigentlich auch hätte denken können, aber das ist ein anderes Thema).

Was mich nachdenklich macht, das ist die Frage, woher diese Faszination kommt, die brave Mädchen für „böse“ Jungs empfinden? Warum möchte man sich nicht dem Freund hingeben, der einen versteht, der verständnisvoll und lieb ist? Weil er zu vertraut ist? Weil man zuviel über einander weiß? Weil man zu seinem Glück gezwungen werden muss?

Zu dem Zeitpunkt, als ich mir nichts sehnlicher als eine Freundin gewünscht hatte, ein Mädchen, das ich küssen und mit dem ich schmusen und Sex und all das haben kann, zu dem Zeitpunkt war ich wohl wie der Noah aus der Geschichte, der Versteher, der Vertraute, und nicht derjenige, von dem man träumt und mit dem man die Kissen durchwühlt. Der Verhaltensauffällige, der Böse, der jeden vor den Kopf stößt und mit sich und der Welt nicht im Reinen ist. Und die Mädchen wandten sich lieber den Älteren zu, den Wilden und Unbekannten … – … zu dem ich später wurde, in einer anderen Zeit.

Zurück zum Thema und Schluss mit dem Dampfgeplaudere. Fazit zum Buch: Nette Liebesgeschichte, gut zu lesen, aber wirklich lang und nur für diejenigen, die viel Zeit für sowas haben (weil sie vielleicht noch zu jung sind für das echte Leben). Was ich vergaß zu erwähnen: Das Buch heißt „After Passion“ und ist von Anna Todd und verkauft sich richtig gut, war auch in der Jahresbestenliste bei den Lovelybooks.