Archiv der Kategorie: Allgemein

Apokalyptische Landschaften und 1 Lichtblick: das Leben des Mannes (#buchpreis)

Hm, hätte ich es mal nicht bis zum Ende gelesen. Heute Morgen wusste ich noch genau, was ich schreiben wollte, denn der Fall war im Grunde klar. Jetzt aber, nachdem ich die letzte Seite umgeblättert und das Buch beendet habe, jetzt haben sich die Dinge auf einmal geändert und ich bin zutiefst verunsichert.

Michael Kumpfmüller hat eine leichte, eine angenehme Art, die Dinge zu beschreiben, über die er spricht. So hat mir Hampels Fluchten schon sehr gut gefallen und beim Anfang der Erziehung des Mannes hatte mich sein Flow gleich wieder in den Bann gezogen.

Bloß befand ich mich jetzt nicht in einer erotischen Schelmengeschichte, sondern im finstersten Alltagsleid des Protagonisten, des Mannes, der erzählt und leidet: an seinem Vater zuallererst, aber dann auch an den unterschiedlichsten Frauen, die ihn länger begleiten, auch seine Mutter. Doch in erster Linie sind es die Frauen seiner Beziehungs- und Liebesbiographie, an denen er sich sein ganzes Leben – aka vorliegendes Buch – abarbeitet, sich abrichten lässt, eigene Wünsche und Verlangen hintanstellt, ignoriert oder leugnet. Und es trotzdem niemals richtigmacht.

Ich habe mich gequält durch diese Geschichte eines Mannes, bei dem in zwischenmenschlicher Hinsicht irgendwie alles schiefläuft und mich mehr als einmal frustriert und traurig gemacht hat. Wäre nicht die Leichtigkeit der Sprache und des Schreibens gewesen, ich hätte es mir nicht bis zum Ende angetan und das Buch viel früher in die Ecke geworfen.

Habe ich aber nicht und bin sehr froh darüber. Im letzten Abschnitt des dreigeteilten Buches geht nämlich die Sonne auf, der Protagonist kommt zur Ruhe, findet seinen Frieden mit den drei Kindern, beginnt eine Beziehung mit seiner ersten Liebe – zum ersten Mal eine durchgängig respektvolle, auf gegenseitiger Wertschätzung beruhende Beziehung zweier ebenbürtiger Menschen – und kommt zu dem Schluss, dass seine Erziehung wohl jetzt abgeschlossen sei. Übrigens, da ist er schon fast siebzig, als er diese Erkenntnis äußert. Und dem Titel des Buches seinen Sinn und seine Bedeutung gibt.

Vorher habe ich mir mehrfach die Frage genau danach gestellt, ob es um den Mann als solchen geht, dieser hier stellvertretend für das Geschlecht auf der Suche nach selbst den Leidensweg entlangzuwandern hat, oder ob es einfach eine Geschichte über einen Mann ist.

Doch dieser Mann hat offenbar Modellcharakter, er ist der moderne, der verständnisvolle, der passive, der zurücksteckende Mann, der das Tier in sich nur noch leise schnurren hört (und der sich wundert, wenn eine der Freundinnen auf seine Frage nach körperlicher Liebe im Nachhinein meint, dass er sie sich vielleicht einfach hätte nehmen sollen).

Offenbar kommt keines der beiden Geschlechter so richtig mit dem neuen, dem rollenflexiblen Dasein zurecht, doch das Leiden scheint stärker bei den zahn- und mutlosen Männchen zu sein.

Schöne Momente, Augenblicke der Heiterkeit tauchen im Leben des Helden keine auf. Die einzigen Lichtblicke sind kurze Begegnungen mit – na klar, was sonst – Frauen, zu denen es jedoch keine tieferen, längeren, intensiveren Beziehungen gibt, aus welchen Gründen auch immer. Die anderen Frauen, mit denen er Kinder hat oder viel Zeit verbringt (gemeinsames Wohnen etc.), das sind die Mühlsteine um seinen Hals, während er durchs Leben schwimmt.

Doch das Ende – wie gesagt, das Ende ist versöhnlich, das Ende ist gut. Und da wusste ich auch, warum dieser Titel auf der Longlist steht. Während der letzten dreißig Seiten wurde das Bild klar, das Herz weit, die Hoffnung gestärkt. Davor war alles finster und elend.

Advertisements

Gift und Gegengift oder: Die echte Welt in all ihrer Entsetzlichkeit und Schönheit

Ein spannendes Thema, welches noch nicht ausreichend behandelt wurde – zumindest ist es mir bisher nicht untergekommen -, das ist die Frage nach den Effekten von aufeinanderfolgenden Lektüren. Ich lese ein Buch, beende es und wende mich dann einem neuen Buch zu, wobei ich in der Regel noch gefangen bin in der Gedankenwelt des beendeten Werkes und mich so auch nicht völlig neutral und unbefangen mich ins neue Universum stürze. Synergie-Effekte der besonderen Art, in gewisser Weise.

Zugegeben, das ist mir auch jetzt erst richtig bewusst geworden, als ich mich in ein sprichwörtliches Wechselbad der Gefühle begeben habe. Zwei Bücher über echte Männer, die gelebt und gelitten haben und zum Anlass für die von mir gelesenen Bücher wurden – nach den Fitzeks, Olsens, Slaughters dieser Welt mal was anderes.

Das erste Buch war „Der Goldene Handschuh“ von Heinz Strunk über den Prostituiertenmörder Fritz „Fiete“ Honka, der in den 70er Jahren insgesamt vier Prostituierte in Hamburg ermordet und zerstückelt hat. Das schmale Bändchen mit seiner nüchternen, lakonischen Sprache, die Entsetzliches benennt und bei aller Schrecklichkeit manche groteske Szene mit bizarrer Komik ausstattet ist trotz allem von erschütternder Sachlichkeit. – Die Beschreibung des Alltags in der Gosse, mit Gestank und Exkrementen und Gewalt und – ja, auch das, obwohl es so gar nicht in diese Aufreihung passen mag – Sex, aber einem pervertierten und alles andere als romantischem Sex, all das hat mich lange verfolgt und mich nicht gerade fröhlich gemacht. Angesichts des zeitgleich dazu herrschenden fantastischen Bilderbuchwetters draußen eine mehr als skurrile Erfahrung.

Gleich im Anschluss an den Goldenen Handschuh habe ich zu einem diametral entgegengesetzten Buch gegriffen, nämlich „Konzert ohne Dichter“ von Klaus Modick. In diesem Buch geht es um den Maler Heinrich Vogeler und sein Verhältnis zum Dichter Rainer Maria Rilke, die beide eine Zeitlang in der Künstlersiedlung in Worpswede lebten. Es geht um die zerrüttete Freundschaft der beiden, um das vielleicht berühmteste Gemälde von Vogeler, das dem Buch seinen Titel gibt – und auf dem der Dichter Rilke fehlt – und nebenbei natürlich um das Leben der künstlerischen Bohème – wenn man so sagen mag, denn die Künstler in Worpswede befinden sich zwar in ihrer kunstgesättigten Parallelwelt, allerdings nicht in der Großstadt, wie man es von den Künstlern der vorletzten Jahrhundertwende und der zwei Jahrzehnte danach kennt – in Paris, Zürich, Berlin -, sondern in dem naturverbundenen Refugium des norddeutschen Dorfes Worpswede.

Hier geht es nicht um den Bodensatz der Gesellschaft, um Elend, Krankheit und Zerstörung, hier geht es um das Schöne, das Elegante und ein Leben im Dienste der Kunst. Für mich war es wie ein Verband mit einer Salbe aus frisch gepflückten Heilkräutern auf der schmerzenden Wunde, die der goldene Handschuh in mein Fleisch gerissen hat. Wieder einmal hat die Literatur Leben gerettet und Wunden geheilt! Vielleicht sollte man sich auch einen Elfenbeinturm bauen und sich darin zurückziehen. Das Argument, damit dem wirklichen Leben zu entfliehen und die Augen vor der grausamen Realität und dem Elend zu verschließen, muss man nicht gelten lassen. So lange man atmet und isst und trinkt, ist es doch das wirkliche Leben und vielleicht muss nicht jeder die Nase in jeden Scheißhaufen stecken.

Für den Fall, dass es mit dem Elfenbeinturm nicht so schnell klappt, gibt es Trost: In jedem Bücherregal finden sich die Schlüssel zu temporären Fluchtorten. Mein nächster liegt schon bereit, ein Buch über die Begegnung von Johann Wolfgang von Goethe mit Caspar David Friedrich …!

E oder echt, das sei hier die Frage! – Über E-Book-Reading und klassisches Seitenumblättern

Seit einem halben Jahr bin ich auch Besitzer eines E-Book-Readers. Ziemlich spät, ich weiß, aber bisher war es einfach kein Thema für mich gewesen und erst nach einem zufälligen Leseversuch kam ich darauf und habe mir ein Lesegerät angeschafft.

In der Zwischenzeit habe ich eine Menge Bücher als E-Book gelesen und mir einen ersten Eindruck verschafft. Und wenn ich nun die beiden Lesevarianten – also E-Book oder gedrucktes Buch aus Papier – auf die Waage legen würde, dann wäre das Ergebnis eindeutig. Das klassische Buch hat weiterhin all meine Sympathie und wird von mir im Zweifelsfall immer den Vorzug bekommen.

Die Gründe dafür? Der Geruch des Buches, die Oberfläche des Papiers, das Rascheln beim Umblättern, die Gestaltung von Umschlag und Cover, der Anblick des Buches auf dem Nachttisch, dem Küchentisch, in der Tasche, auf dem Sofa oder auf der Fensterbank im Badezimmer, die Möglichkeit des Zeigens, des Weitergebens (Vererbens!?), des Ins-Regal-Stellens. – Alles das hat und kann und bietet das E-Book nicht.

Trotzdem möchte ich das E-Book nicht verdammen, denn es hat auch seine guten Seiten:

  • Nachts im Bett den Reader in einer Hand halten und wegen der eingebauten Beleuchtung keine schlafenden Hunde (oder Frauen) wecken.
  • Auf Reisen keine Gepäcksorgen mehr haben, weil man x Bücher mitnehmen kann und trotzdem noch Platz für eine zweite Garnitur Unterwäsche hat.
  • Sofort und ohne das Haus verlassen zu müssen jede Wunschlektüre zur Verfügung haben.

Am schlimmsten war für mich, dass alle Bücher im Reader gleich aussehen und dass ich die guten Bücher nicht anschließend sofort jemandem in die Hand drücken konnte mit den Worten: „Unbedingt lesen! Sofort!“ – Und am allerallerschlimmsten? Ich konnte mir bei einigen Büchern den Verfassernamen nicht merken. Da der ständige Blick aufs Cover entfällt, kann das schon mal passieren. Gefällt mir aber nicht.

Wenn der Preis für E-Book und Druckbuch gleich oder ähnlich sind, wird sich für mich die Frage niemals stellen, was von beiden ich kaufe. Den Reader werde ich wohl nur für Leihbücher und zu speziellen Anlässen (Reisen!) nutzen. Ansonsten ist er mir nicht sexy genug, und er riecht ja gar nicht …

(#jdtb16) Heimat und Ferne und Zufälle – und schon wieder ein Bergroman (ein toller dazu)

Ich bin ja nur sehr eingeschränkt ein Fan von Bergliteratur (oder wie heißt das Genre, in dem verschrobene, schweigsame Gestalten das echte Leben vorführen, mit Kuhstallgeruch und viel Blut und allem, was eben zum natürlichen Dasein gehört), wie man schon in meinem Eintrag zu Robert Seethalers „Ein ganzes Leben“ feststellen konnte. Auch wenn ich die Storys manchmal fasziniert und die Atmosphäre oft berauschend finde.

Andrerseits bin ich ein Fan von Verschrobenem, also damit dann zwangsläufig auch einer von österreichischer Literatur (wenn man das so einfach formulieren darf, denn die Literatur unseres sympathischen Nachbarn im Südosten ist ja doch wahnsinnig breitgefächert und aufregend, aber eines scheint dann doch das auffälligste Merkmal zu sein: das Verschrobene, Grantelnde, zugleich vor Fantasie Strotzende und damit Umwerfende!). Neulich erst habe ich ein zufällig im Mitnehmregal des Eiscafés meiner Frau entdecktes Buch nach der Lektüre gleich in einen Briefumschlag gesteckt und einem meiner wenigen lesefreudigen Freunde aus Studentenzeit zukommen lassen, der es ebenso freudig goutiert und sich gleich weitere Bände des Autors zur Brust genommen hat.

Und jetzt bin ich wieder mal über ein Buch gestolpert, das mich bei der Lektüre laut auflachen ließ (wer, bitteschön, macht denn sowas!?) und mir auch sonst in jeder Hinsicht große Freude bereitet hat. Und gleichzeitig einen Stich versetzt hat … – Doch – wie heißt es so schön: Eins nach dem andern.

Der Monat April war ein denkwürdiger Monat, in dem ich mich ein Stück weit in die eigene Vergangenheit begeben konnte. Ohne das vorher noch zu wissen oder zu ahnen.

Anfang des Monats, und zwar richtig am Anfang (Aprilapril) hatte ich Gelegenheit zu einem Bummel in der Stadt, in der ich mein drittes Jahrzehnt zugebracht hatte: Bochum, die faszinierende Studentenstadt in direkter Nachbarschaft meines Heimatörtchens (ein längst untergegangener Bindestrich-Ort, den man in der Regel nur scherzhaft erwähnt). Dort nutzte ich die Gelegenheit zu einem Zwischenstopp in meiner langjährigen Leib-und-Magen-Buchhandlung, wo mir der Juniorchef auch gleich von der Leiter aus zuwinkte. Diese eher kleine Buchhandlung ist auch heute noch ein Wunderhorn unerschöpflicher Literaturtipps und -vorschläge, womit keine Thalia-, Hugendubel- oder andersgenannte Großbuchhandlung mithalten kann.

Da ich leidenschaftlicher Teilnehmer des #djtb16 bin (Jahr des Taschenbuchs 2016) und ich für den Monat April noch kein Buch hatte (wie gesagt, es war ja auch erst der 1. Aprilapril), stellte ich den Juniorchef auf die Probe und bat um Empfehlungen. Er legte mir Vea Kaisers „Blasmusikpop“ ans Herz und in die Hand und ich nahm das Angebot an.

Zum Lesen kam ich dann leider erst einmal nicht, sondern musste stattdessen relativ spontan in die Stadt, in der ich mein viertes Jahrzehnt verbracht hatte: Sibiu/Hermannstadt in Rumänien. Vea Kaiser packte ich nicht ein in mein mit acht Kilogramm knapp bemessenes Handgepäck (auch der Pyjama blieb daheim). Dort angekommen musste ich natürlich dem Ort meiner ehemaligen Verbrechen einen Besuch abstatten und die KollegInnen vom dortigen Lehrstuhl für Germanistik an der Universität in die Arme schließen. Während ich auf dem Flur stand und die Pause erwartete, stellte ich fest, dass ebendiese Vea Kaiser am darauffolgenden Tag eine Lesung im Österreich-Lektorat abhalten würde. Weil ich aber nun das Buch nicht gelesen und mir Fotos der Autorin nicht angeschaut hatte und überdies eingespannt genug war in der knappen Woche mit Freundesbesuchen und Abendessen und Treffen und Gesprächen und Begegnungen, kurz, ich ließ die Lesung sausen und aß lieber Krautwickel mit Polenta (Mamaliga, wie der Rumäne, Palukes, wie der rumänische Präsident sagt) bei lieben Freunden (einer ehemaligen Trauzeugin von mir und ihrem Mann).

Tja, und jetzt kommt die Sache mit dem Schmerz: Blasmusikpop ist ein verdammt witziges Buch, das in den österreichischen Alpen spielt und eine Menge fabelhafter Ideen in sich trägt, die Lachtränen provozieren, ob man will oder nicht. Die Autorin Vea Kaiser allerdings ist für ihr Buch eindeutig viel zu jung und zu hübsch, man mag es gar nicht glauben, dass es von ihr ist. Wenn ich ihr Bild vorher gesehen hätte, dann hätte ich mir das Buch wahrscheinlich nicht gekauft, wäre aber ganz bestimmt zu ihrer Lesung gegangen. Ich habe es gelesen, das Bild gesehen und mich doppelt und dreifach geärgert. Aber eigentlich nur ein bisschen, denn den Spaß beim Lesen hatte ich ohnehin!

Bücher und Weine(n), Bedenken, ein toller preisgekrönter Roman und noch manches andere

Das ist ja das Feine am Bloggen: Man kann einfach loslegen und schreiben, was die Synapsen hergeben. Man muss sich nicht um Regeln kümmern, es wird von niemandem bewertet, abgeschätzt und dann womöglich entsorgt, nein, nach dem Verfassen kann es gleich in die Welt hinausgeschickt werden, ohne Rücksicht auf Standards oder andere Verluste. Über mir nur der Himmel, „sky’s the limit“, sozusagen. Das ist sicher auch Teil des Charmes, den Blogs versprühen (zwischen all den nicht redigierten Rechtschreib- und anderen Fehlern), auf Seiten der Produktion wie auch beim Rezipienten.

Und so schreibt man dann geradewegs drauflos und meistens geht das auch ganz gut. Wenn man den richtigen Schwung hat und den Mut und die Lust. Na, und manchmal klappt das dann auch gar nicht. Da hat man dann einen richtigen Rohrkrepierer, der im schlimmsten Fall nicht nur den gerade begonnenen Text behindert und ausbremst, sondern auch alle weitere Produktivität blockiert, sodass man zu gar nichts mehr in der Lage ist (was das Schreiben betrifft). Tja, und so ist es mir auch ergangen vor einem knappen Monat mit dem folgenden Text, der sich um ein gutes Buch herum entwickelt hat und dann auf halbem Weg die Kraft und den Saft verloren hat und mir die Hände auf den Rücken gebunden und den Mund geknebelt und das Gehirn vernebelt hat. Darauf ein Glas Rotwein, gern Cabernet Sauvignon (z.B. aus Rumänien). Und jetzt der Text, damit die Synapsen endlich wieder tanzen können!

Männer haben es schwer. Vor allem in den bisher Frauen vorbehaltenen Lebensbereichen, denn die sind häufig – im Unterschied zu so mancher inzwischen gefallenen männlichen Bastion – auch heute noch Frauen vorbehalten. Dabei geht es gar nicht mal nur um Aspekte, die aus rein biologischer Sicht am und im weiblichen Körper besser aufgehoben sind, wie beispielsweise das Gebären und Stillen von Nachwuchs. Es gibt auch Dinge, die nicht zwangsläufig fest verankert in Frauenhand bleiben müssen und es ist auch überhaupt nicht einzusehen, warum dieser Bereich auch im 21. Jahrhundert noch vom weiblichen Geschlecht dominiert wird.

Anscheinend handelt es sich dabei um ein tief in unserer Gesellschaft verankertes Tabu, das niemand auch nur andeutungsweise zu benennen wagt. Einmal aber muss jemand sich erheben und mit lauter Stimme bekennen, die Mauern der Ignoranz niederreißen, sich mit der geballten Faust gegen die Brust schlagen und erhobenen Hauptes eingestehen: „Ja, auch ich habe es getan! Und ich werde es wieder tun, wahrscheinlich, soviel ist sicher.“

Das ist mir jüngst wieder eingefallen, bei der Lektüre meines letzten Buches. Vom Inhalt her gehörte es nämlich in die Kategorie der unberührbaren Themen. Eigentlich lese ich keine Bücher, die im Zweiten Weltkrieg spielen und/oder in denen Kinder eine Rolle spielen. Oder Waisen oder Behinderte. Na ja, dieses Buch hatte alles davon, eine französische blinde Halbwaise, einen deutschen Vollwaisen mit befremdlichem Aussehen, obendrein Heimkind mit kleiner Schwester. Und die Handlung findet hauptsächlich zum Ende des Zweiten Weltkriegs statt, wo also bereits Zerstörung und Elend und Entsetzen hinter jeder Ecke lauert.

Wenn mir die Augen staubig sind, dann schneide ich eine Zwiebel oder hau mir mit dem Hammer auf den Finger. Aber ich lese verdammt nochmal kein Buch, bei dem ich garantiert von Gefühlen übermannt werde und irgendwann nicht mehr an mich halten kann und einfach nur noch losheulen muss wie ein Schlosshund. Wer macht denn sowas, bitteschön?

Das erste Mal hatte ich bereits vor einiger Zeit von dem Buch gehört, in einem kurzen Facebook-Beitrag einer amerikanischen Freundin. Dort wurde es hochgelobt, ich hatte mich aber nicht angesprochen gefühlt (aus den genannten Gründen). Zwar hat das Buch auch den Pulitzer-Preis erhalten, was mich aber auch nicht sehr interessiert hat.

Na ja, jetzt habe ich es doch gelesen und muss sagen: Ganz großes Kino! Es ist ein tolles Buch, kitschfrei und nicht übermäßig konstruiert. Gute Unterhaltung mit Substanz ist also garantiert. Allein, ich wurde die ganze Zeit den Eindruck nicht los, dass es sich hier um Schullektüre handelt. Als wäre es dafür geschrieben worden. Und womöglich sind die handelnden Personen alle ein wenig zu gut, von einem durchtriebenen Parfümhändler einmal abgesehen, der dafür eben ein wenig zu schlecht ist. Aber das ist vielleicht auch der Stoff, aus dem Schulbücher gemacht sind.

Und auch erst ziemlich am Ende gab es ein paar herzzerreißende Szenen, die aber nicht explizit darauf angelegt sind. Manchmal bleibt es halt nicht aus, so ist das Leben, in der Realität wie im Buch.

Schon wieder Strichstrich Frauenliteratur Strichstrich? Und sagt man wirklich Fifty Shades für Anfänger …

Die eine wichtige Frage muss gleich zu anfangs einmal gestellt werden: Ist nicht im Grunde jede Literatur Frauenliteratur? Schließlich waren es doch immer Frauen, die lasen. Und zwar immer in signifikant höherer Zahl als Männer. Und selbst heute, im Science-Fiction-Zeitalter des 21. Jahrhunderts sind die Seminarsäle aller philologischen Fakultäten in überwiegender Mehrzahl von weiblichem Personal bevölkert. – Wenn es also zwar auf der einen Seite eine ganze Menge Männer gibt, nämlich bei den Produzenten von Literatur, den Schriftstellern – wobei das wahrscheinlich auch noch relativiert werden muss, wenn man genau nachdenkt und der Theorie der HIStory vertraut, so ist doch auf der Empfänger-/der Rezipientenseite ein eindeutiger Überhang der Doppel-X-Chromosomträgerinnen auszumachen. Man könnte also sagen, dass Literatur zu allererst und vor allem für Frauen geschrieben wird, es sich also immer um Frauenliteratur handelt.

Wenn damit die Logik nachvollziehbarer Überlegungen (mal wieder) ganz auf meiner Seite ist, so bin ich doch zugleich ein wenig unglücklich, denn dorthin wollte ich eigentlich nicht. Sondern zurück in die 80er Jahre und zu meiner bereits an anderer Stelle geäußerten Feststellung, dass die Frauenliteratur auch nicht mehr das ist, was sie mal war. Es wird nicht mehr reflektiert über die Gesellschaft und vor allem über Rollenverhalten und -zuschreibungen und ihre Verhältnisse mit- und zueinander. Oh, wie habe ich diese Bücher damals mit Heißhunger verschlungen und dabei den Eindruck gehabt, so einiges zu erfahren und zu lernen über das unbekannte Wesen Frau (oder Mädchen).

Heute lernt man in der Frauenliteratur, dass brave und anständige Frauen alle auf wilde und böse Jungs stehen oder zumindest auf Draufgänger, die sich nehmen, was sie wollen (und die Frauen offenbar auch). Sei nur nicht der Frauenversteher oder Freund, denn dann kannst du zwar mit Frauen Liebesfilme gucken und Einkaufen gehen, aber wechselseitig die Leiber zum Ver- und die Herzen zum Schmelzen bringen lassen andere.

Einmal ist es die junge Studentin und der erfolgreiche Geschäftsmann Grey – eigentlich ja schon fast der Übermensch von einem Mann, der mit so vielen Erfolgsklischees behaftet ist, dass es schon fast nicht mehr schön ist. Und jetzt ist es die biedere Collegestudentin und der verwegene ausländische (!) Student mit Tattoos und Piercing, der im Unterschied zu dem langjährigen Freund das Herz der jungen Tessa („nenn mich nicht Theresa!“) hüpfen lässt.

Das Buch ist unterhaltsam, ohne Verlangen nach hochliterarischen Ansprüchen flüssig geschrieben und mit einer nett dahinfließenden Story versehen. Damit ist es in meinen Augen sogar besser als die berühmten 50 Shades (von denen ich allerdings nur den ersten Teil gelesen habe). Angesichts des Umfangs und der Anzahl der Fortsetzungen habe ich nach knapp 250 Seiten aber die Lektüre beendet, denn es gibt nichts, was ich noch zu bekommen erwarte, was ich nicht bereits in der ersten Hälfte des ersten Bandes erhalten habe. Okay, womöglich wird die Protagonistin im Verlauf dieses ersten Bandes noch ihre Unschuld verlieren, was ich ihr von Herzen gönne, doch so richtig interessieren tut es mich nicht. – Womöglich aber wird auch dies nicht ohne Hindernisse vor sich gehen, wie es auch bei ihrem ersten Cunnilingus nicht direkt klappt (sie soll ihm sagen, dass sie von ihm geleckt werden will … – was sie natürlich nicht tut, und was er sich eigentlich auch hätte denken können, aber das ist ein anderes Thema).

Was mich nachdenklich macht, das ist die Frage, woher diese Faszination kommt, die brave Mädchen für „böse“ Jungs empfinden? Warum möchte man sich nicht dem Freund hingeben, der einen versteht, der verständnisvoll und lieb ist? Weil er zu vertraut ist? Weil man zuviel über einander weiß? Weil man zu seinem Glück gezwungen werden muss?

Zu dem Zeitpunkt, als ich mir nichts sehnlicher als eine Freundin gewünscht hatte, ein Mädchen, das ich küssen und mit dem ich schmusen und Sex und all das haben kann, zu dem Zeitpunkt war ich wohl wie der Noah aus der Geschichte, der Versteher, der Vertraute, und nicht derjenige, von dem man träumt und mit dem man die Kissen durchwühlt. Der Verhaltensauffällige, der Böse, der jeden vor den Kopf stößt und mit sich und der Welt nicht im Reinen ist. Und die Mädchen wandten sich lieber den Älteren zu, den Wilden und Unbekannten … – … zu dem ich später wurde, in einer anderen Zeit.

Zurück zum Thema und Schluss mit dem Dampfgeplaudere. Fazit zum Buch: Nette Liebesgeschichte, gut zu lesen, aber wirklich lang und nur für diejenigen, die viel Zeit für sowas haben (weil sie vielleicht noch zu jung sind für das echte Leben). Was ich vergaß zu erwähnen: Das Buch heißt „After Passion“ und ist von Anna Todd und verkauft sich richtig gut, war auch in der Jahresbestenliste bei den Lovelybooks.

#dbp2015 (3) Frauenliteratur? Frauenliteratur!

Im Rahmen meiner alljährlichen persönlichen Buchpreis-Longlist-Challenge traf ich auf ein weiteres Buch, das mir sehr gut gefallen hat, das ich aber ohne diese Challenge wahrscheinlich nicht mal in die Hand genommen hätte … Die Rede ist von Anke Stelling und „Bodentiefe Fenster“.

Und mit Beginn des Buchs war ich sofort drin in der Welt der Protagonistin, Anfang Vierzig, Mutter, in einem Mehrgenerationenhaus mitten in Prenzlauer Berg. Sie ist Teil dieses Universums und steht doch daneben, was ihr die Gelegenheit gibt, alle Vorkommnisse auf das Böseste zu kommentieren. Dabei hat sie oft recht, wenn sie mit ihrem Skalpell die zwischenmenschlichen Begegnungen seziert, die Regeln und Vorsätze, die so dann doch alle nicht richtig funktionieren. Das ist oft übertrieben und betont zynisch, was es damit auch gleich wieder ein Stück aus der Realität hebt und Gelegenheit zum Lachen gibt, ohne dass man sich ein schlechtes Gewissen einstellt.

Schließlich ist man selbst auch ein Teil dieses Systems und würde viele Dinge genauso machen (oder tut es sogar), denn irgendwo ist doch der Prenzlberger Mikrokosmos ein Stück des erträumten Paradieses von uns allen, oder?

Ich hatte auf jeden Fall eine Menge Spaß und konnte Auszüge des Buchs direkt verwerten zur Kommentierung des Verhaltens einiger Eltern in unserer Eltern-Initiativ-Kita (ja, ich wohne auch in Berlin, allerdings im wilden Wedding …). Würde das Buch also auf jeden Fall weiterempfehlen, auch für männliche Leser (der ich selber auch einer bin).

Das Buch bot mir daneben aber noch Anlass, ein wenig über den Buchrand hinauszublicken. Die Lektüre hat mich nämlich anfangs stark an ein anderes Buch erinnert, das ich vor langer langer Zeit und in einem ganz anderen Leben gelesen habe. Die Rede ist von Svende Merian und „Der Tod des Märchenprinzen“ und es war Anfang der Achtziger Jahre, als ich es gelesen habe. Da ging es um eine junge Frau, die über eine Kontaktanzeige einen Mann kennenlernt („Arne“), der anfangs total nett und toll ist und dann doch nicht so, wie sie es sich gedacht hatte, vor allem in feministischer und emanzipatorischer Hinsicht nicht.

Das Buch war damals Tagesgespräch und überdies Teil der sogenannten „Frauenliteratur“, zu der verschiedene andere Titel gehörten (neben den Werken von Simone de Beauvoir zum Beispiel Verena Stefan und „Häutungen“ oder Gerd Brandenbergs „Die Töchter Egalias“). Bei diesen Büchern ging es sehr stark um das Verhältnis der Geschlechter zueinander und dabei vor allem um die weibliche Sichtweise auf die Dinge. Wie gesagt, das waren die frühen Achtziger.

Das Buch von Anke Stelling hat mich ein Stück an diese Literatur erinnert, obwohl sie etwas hat, was den damaligen Autorinnen irgendwie fehlte: Humor und Witz. Damals ging es meistens todernst zur Sache, ohne jede befreiende Leichtigkeit. Womöglich war die Zeit – oder die Verhältnisse – einfach so gestaltet, dass dafür kein Platz war.

Mit Schrecken stelle ich jetzt aber fest, dass der Terminus „Frauenliteratur“ inzwischen eine ganz andere Bedeutung bekommen hat. Denn im 21. Jahrhundert handelt es sich bei Frauenliteratur nicht mehr um intellektuell anspruchsvolle und gesellschaftskritische Texte, sondern ganz im Gegenteil vor allem um das, was früher mal Liebesromane hieß. Damit also Texte, die tief in die Klischeekiste greifen und Männer und Frauen auf ihre traditionellen Rollenpositionen verweisen: Die schöne, aber unsichere und schüchterne oder vom Leben gebeutelte Frau trifft den erfolgreichen und gutaussehenden Alphamann und fällt ihm gegen Ende des Buchs zitternd vor Erregung in die starken Arme. Ende.

Was soll der Scheiß? Wo bleibt der kritische Blick, das Nachdenken in der Literatur? Brauchen wir das nicht mehr oder findet die Diskussion woanders statt? Oder wollen wir diese Diskussion nicht, weil wir gemerkt haben, dass Frauen zum Kochen und Männer zum Bestimmen gemacht sind? Ist Charlotte Roche die einzige Aufrechte geblieben, die mit Achselhaar und mit Nacktem-Arsch-über-die-öffentliche-Toilettenbrille-rutschen die Selbstbestimmung der Frau erkämpft? – Und ist das ein gutes Zeichen oder ist das eher der Beweis für das mancherorts heraufbeschworene Rollback der Verhältnisse? Ich kann zumindest sagen, dass es beim Einkleiden meiner ersten Tochter vor 25 Jahren mehr Alternativen als rosa und blau gab und dass ich beim Spielzeugkauf nicht in die Mädchenecke musste, da es sie noch gar nicht gab …

Über das Haben von Kultur

In digitalen Zeiten ist es mit dem Besitz kultureller Inhalte so eine Sache. So gibt es beispielsweise die Musik auf Tonträgern wie Vinylschallplatten, Cassetten, Compact Discs. Es gibt sie aber auch als MP3 oder in anderen Formaten auf dem Computer, dem Handy oder dem USB-Stick. Dann gibt es da noch den Stream, der durchs Radio kommt – heißt es da eigentlich auch Stream? – oder durchs Internet. Und natürlich gibt es ebenfalls noch die Musik in meinem Kopf, die ich für mich allein höre und die meist aus Stücken besteht, die ich schon einmal irgendwo konsumiert habe (und wenn ich meine Tabletten nicht regelmäßig nehme, dann wird sie immer lauter … nein, Quatsch).

Mit Literatur ist es mittlerweile auch so, ich kann sie als richtiges Buch kaufen, als digitales Manuskript oder ich lese sie im Internet.

Der Inhalt ist immer gleich, soviel steht fest. Alles andere aber ist verschieden. Oder?

In den vergangenen fast zehn Jahren habe ich kaum noch Bücher gekauft. Meine Regale sind voll und bei den letzten Umzügen habe ich feststellen können, wie schwer Literatur zu heben ist. Dennoch habe ich gelesen, nicht wahnsinnig viel, aber doch gelesen. Die Bücher kamen aus städtischen Leihbibliotheken oder man hat sie mit Freunden getauscht. Die einzigen noch klassisch eingekauften Bücher waren in dieser Zeit ausschließlich Fach- und Sachbücher, da man die ja öfter zur Hand nimmt.

Ich erinnere mich noch gut an meine späte Studienzeit. Da habe ich Bücher gekauft, was das Zeug hielt, Fachbücher und Belletristik und es war mir eine körperliche Lust, die gekauften Bücher an eine Stelle ins Regal zu stellen und dann die gelesenen Werke an die entsprechende Stelle zu den anderen einzusortieren (alphabetisch war das zumeist).

Nach dem Studium gab es in meinem Leben eine längere Zäsur (kann man das sagen, eine Zäsur ist doch eigentlich ein Punkt und keine Fläche, also ein Moment und kein Zeitraum …, na, bei mir dauerte sie fast zehn Jahre), die ich im fremdsprachigen Ausland verbrachte. Da ich zu dieser Zeit auch professionell mit Literatur zu tun hatte, und – ein wichtiger Aspekt! – nur zweimal im Jahr in Deutschland war und die Gelegenheit zum Einkauf deutschsprachiger Literatur hatte, kaufte ich auch in diesem Zeitraum wie ein Verrückter. Das galt übrigens nicht nur für Literatur, sondern auch für Musik. Ich kann mich gut daran erinnern, wie ich Stunden im Musikladen meines Vertrauens verbrachte und dann mit einer Tüte voll CDs im Wert von 300,- Euro das Geschäft verließ (überhaupt, wo sind die Läden des Vertrauens geblieben? In jenem Musikgeschäft namens Discover bekam ich einen Kaffee und mir wurde der Aschenbecher (ups, ja, das war damals so) bereitgestellt und da stand ich dann mitten im Laden mit dem Kaffee und der Zigarette und dem Kopfhörer und der Typ von dem Laden spielte mir Musik vor, die mir gefallen müsste, denn inzwischen kannte er meinen Geschmack und wusste, dass ich zweimal im Jahr vorbeikam. – Eine Buchhandlung meines Vertrauens hatte ich natürlich auch, wo es zwar weder Kaffee noch Aschenbecher gab, die Atmosphäre aber toll und die Mitarbeiter nicht nur kompetent, sondern auch sympathisch waren (der Juniorchef war dann sogar auf meiner (ersten) Hochzeit zu Gast und kam dafür die 2000 Kilometer vorbei – die letzten 300 sogar per Taxi! – So etwas können Thalia und Mediamarkt in 1000 Jahren nicht wettmachen und Amazon schon mal gar nicht, da gibt es nur Konsumartikel, kein Herz).

In diesen Zeiten gab es die Frage nach der Nachhaltigkeit meiner Einkäufe nicht oder danach, ob ich diese Bücher öfters lese. Doch langsam, langsam sickerte die digitale Zeit auch zu mir durch und zumindest Musik wurde immer öfter aus dem Internet geladen (das war in Osteuropa, da hat man das so gemacht), aus finanziellen Gründen und weil es diese Musik vor Ort gar nicht zu kaufen gab. Ich kann mich aber daran erinnern, wie ich diese Musik dann auf CDs brannte, mir leere CD-Hüllen kaufte, die Cover zu den jeweiligen Alben ausdruckte, ausschnitt und die fertigen CDs dann in mein Musikregal stellte. Dabei habe ich mich nie als Zwangsneurotiker wahrgenommen, doch wenn ich jetzt darüber nachdenke, dann frage ich mich schon, ob damals alles mit mir in Ordnung war.

Heute lebe ich wieder in Deutschland, habe freien Zugang auf jedes Produkt meiner Wahl, eine gut ausgestattete Leihbibliothek in Fußnähe und weiß gar nicht, wie ich es nun angehen soll. Fakt ist, dass ich mich über meine (alten) Schallplatten immer noch sehr freue und mit großem Vergnügen gelegentlich eine Scheibe auflege und sie mir anhöre. Denn der Konsum einer Schallplatte gestaltet sich ganz anders als der eines Streamingdienstes, soviel steht fest. Neue Schallplatten habe ich mir aber bisher keine gekauft, sondern halte es da weiterhin mit CDs. MP3-Stücke habe ich mir ebenfalls noch nie gekauft und werde das wohl auch nicht tun.

Mit den Büchern ist es so eine Sache. Wie gesagt, die Regale sind voll, trotzdem kaufe ich wieder Bücher. Das werden auf jeden Fall gedruckte sein, denn gegen den Kauf digitaler Werke sträubt sich alles in mir. Was soll ich mit einem Bücherregal im Handy oder im Notebook? Klar, der Inhalt ist gleich, aber nur das Buch in der Hand vermittelt ein bestimmtes Gefühl, nur da kann ich die Pigmentierung des Papiers betrachten oder den Duft eines neu gekauften Buches inhalieren. Auf dem Kindle oder dem Tolino sieht jedes Buch gleich aus, doch wer kann sich zum Beispiel an das feine Papier der Insel-Taschenbücher erinnern? – Und: Das schönste Möbelstück in einer Wohnung ist ein gut bestücktes Bücherregal. Menschen ohne Bücherregale waren – und sind – mir immer suspekt.

Mein Fazit: Kulturelle Produkte sind ganz klar immer mehr als nur ihr Inhalt. Die „Verpackung“ ist konstitutioneller Bestandteil. Deshalb Ehre wem Ehre gebührt, die guten und geliebten Bücher und Musiken ins Regal, als physisch erfahrbare Gegenstände. Zum Herausnehmen, zum Halten und Betrachten, zum Beschnuppern. Und – ganz wichtig – zum Verleihen oder gar zum Vererben! Alles andere, der träge dahinfließende Fluss an Fastfood-Literatur und -Musik kann gut digital auf einer Seite konsumiert und auf der anderen gleich wieder ausgeschissengeschieden

Vorwärts, rückwärts und manchmal auch seitwärts

Endlich geht es ans Schreiben. Da ist natürlich so manches nachzuholen, aufzuholen, herzuholen, was bisher noch unveröffentlicht schlummert hier und dort. Aber warum auch nicht? Schließlich ist das Leitmotiv kein um jeden Preis Vorwärtsgerichtetes, das mit der Aktualität von Nachrichtenportalen zu buhlen hat. Ganz im Gegenteil sogar.

Und genau so, wie bei der Auswahl meiner Lektüre schriftlicher Texte und musikalischer Artefakte schon immer zwei Richtungen ausschlaggebend waren und ich sowohl die sogenannten Backlists durchstöberte und alte Bücher las und Musiken hörte als auch Neuerscheinungen und aktuelle Beststeller, genau so werde ich auch hier Neues und Altes zum Besten geben.

Womöglich überflüssig, das extra zu erwähnen …

Vinyl und Lesegerät

Das neue Jahr fängt ja lustig an: Beim Lesen macht man einen gewaltigen Technoschritt nach vorn und beim Hören geht es anscheinend in die andere Richtung, nämlich zurück. Damit werde ich einerseits volkstümlicher, indem ich auf einmal all die vielgelobten und beschworenen massenkompatiblen Texte zu mir nehme, für die mir das Bücherregal zu schade und klein und der Weg von der Bibliothek zu lang und beschwerlich war. Da ist so ein kleines flaches Lesegerät gleich wie ein Sprung in die neue Zeit. Plus: Jetzt kann man jede freie Minute lesend nutzen, auch die dunklen (wenn der noch immer nicht ausgewachsene  Nachwuchs nicht allein einschlafen will und man sich auf den Teppich zu Füßen des Hochbetts mit Rutsche legt) und hat so gleich viel mehr Zeit zur Verfügung, sich auch mit den bislang oft verschmähten Werken zu beschäftigen.

Andererseits werde ich damit wohl nerdiger, elitärer, wenn ich ein neues Abspielgerät für das im Haushalt vorhandene Vinyl anschaffe. Der Umgang mit Sounds und Musik wird damit entschleunigt, was ja eine feine Sache ist. Gleichzeitig muss ich mir überlegen, ob ich dann wohl zukünftig womöglich auch wieder Schallplatten kaufen werde … !? Hm, wohl eher nicht, oder?