Archiv für den Monat Juni 2016

Gift und Gegengift oder: Die echte Welt in all ihrer Entsetzlichkeit und Schönheit

Ein spannendes Thema, welches noch nicht ausreichend behandelt wurde – zumindest ist es mir bisher nicht untergekommen -, das ist die Frage nach den Effekten von aufeinanderfolgenden Lektüren. Ich lese ein Buch, beende es und wende mich dann einem neuen Buch zu, wobei ich in der Regel noch gefangen bin in der Gedankenwelt des beendeten Werkes und mich so auch nicht völlig neutral und unbefangen mich ins neue Universum stürze. Synergie-Effekte der besonderen Art, in gewisser Weise.

Zugegeben, das ist mir auch jetzt erst richtig bewusst geworden, als ich mich in ein sprichwörtliches Wechselbad der Gefühle begeben habe. Zwei Bücher über echte Männer, die gelebt und gelitten haben und zum Anlass für die von mir gelesenen Bücher wurden – nach den Fitzeks, Olsens, Slaughters dieser Welt mal was anderes.

Das erste Buch war „Der Goldene Handschuh“ von Heinz Strunk über den Prostituiertenmörder Fritz „Fiete“ Honka, der in den 70er Jahren insgesamt vier Prostituierte in Hamburg ermordet und zerstückelt hat. Das schmale Bändchen mit seiner nüchternen, lakonischen Sprache, die Entsetzliches benennt und bei aller Schrecklichkeit manche groteske Szene mit bizarrer Komik ausstattet ist trotz allem von erschütternder Sachlichkeit. – Die Beschreibung des Alltags in der Gosse, mit Gestank und Exkrementen und Gewalt und – ja, auch das, obwohl es so gar nicht in diese Aufreihung passen mag – Sex, aber einem pervertierten und alles andere als romantischem Sex, all das hat mich lange verfolgt und mich nicht gerade fröhlich gemacht. Angesichts des zeitgleich dazu herrschenden fantastischen Bilderbuchwetters draußen eine mehr als skurrile Erfahrung.

Gleich im Anschluss an den Goldenen Handschuh habe ich zu einem diametral entgegengesetzten Buch gegriffen, nämlich „Konzert ohne Dichter“ von Klaus Modick. In diesem Buch geht es um den Maler Heinrich Vogeler und sein Verhältnis zum Dichter Rainer Maria Rilke, die beide eine Zeitlang in der Künstlersiedlung in Worpswede lebten. Es geht um die zerrüttete Freundschaft der beiden, um das vielleicht berühmteste Gemälde von Vogeler, das dem Buch seinen Titel gibt – und auf dem der Dichter Rilke fehlt – und nebenbei natürlich um das Leben der künstlerischen Bohème – wenn man so sagen mag, denn die Künstler in Worpswede befinden sich zwar in ihrer kunstgesättigten Parallelwelt, allerdings nicht in der Großstadt, wie man es von den Künstlern der vorletzten Jahrhundertwende und der zwei Jahrzehnte danach kennt – in Paris, Zürich, Berlin -, sondern in dem naturverbundenen Refugium des norddeutschen Dorfes Worpswede.

Hier geht es nicht um den Bodensatz der Gesellschaft, um Elend, Krankheit und Zerstörung, hier geht es um das Schöne, das Elegante und ein Leben im Dienste der Kunst. Für mich war es wie ein Verband mit einer Salbe aus frisch gepflückten Heilkräutern auf der schmerzenden Wunde, die der goldene Handschuh in mein Fleisch gerissen hat. Wieder einmal hat die Literatur Leben gerettet und Wunden geheilt! Vielleicht sollte man sich auch einen Elfenbeinturm bauen und sich darin zurückziehen. Das Argument, damit dem wirklichen Leben zu entfliehen und die Augen vor der grausamen Realität und dem Elend zu verschließen, muss man nicht gelten lassen. So lange man atmet und isst und trinkt, ist es doch das wirkliche Leben und vielleicht muss nicht jeder die Nase in jeden Scheißhaufen stecken.

Für den Fall, dass es mit dem Elfenbeinturm nicht so schnell klappt, gibt es Trost: In jedem Bücherregal finden sich die Schlüssel zu temporären Fluchtorten. Mein nächster liegt schon bereit, ein Buch über die Begegnung von Johann Wolfgang von Goethe mit Caspar David Friedrich …!