Archiv für den Monat Mai 2016

E oder echt, das sei hier die Frage! – Über E-Book-Reading und klassisches Seitenumblättern

Seit einem halben Jahr bin ich auch Besitzer eines E-Book-Readers. Ziemlich spät, ich weiß, aber bisher war es einfach kein Thema für mich gewesen und erst nach einem zufälligen Leseversuch kam ich darauf und habe mir ein Lesegerät angeschafft.

In der Zwischenzeit habe ich eine Menge Bücher als E-Book gelesen und mir einen ersten Eindruck verschafft. Und wenn ich nun die beiden Lesevarianten – also E-Book oder gedrucktes Buch aus Papier – auf die Waage legen würde, dann wäre das Ergebnis eindeutig. Das klassische Buch hat weiterhin all meine Sympathie und wird von mir im Zweifelsfall immer den Vorzug bekommen.

Die Gründe dafür? Der Geruch des Buches, die Oberfläche des Papiers, das Rascheln beim Umblättern, die Gestaltung von Umschlag und Cover, der Anblick des Buches auf dem Nachttisch, dem Küchentisch, in der Tasche, auf dem Sofa oder auf der Fensterbank im Badezimmer, die Möglichkeit des Zeigens, des Weitergebens (Vererbens!?), des Ins-Regal-Stellens. – Alles das hat und kann und bietet das E-Book nicht.

Trotzdem möchte ich das E-Book nicht verdammen, denn es hat auch seine guten Seiten:

  • Nachts im Bett den Reader in einer Hand halten und wegen der eingebauten Beleuchtung keine schlafenden Hunde (oder Frauen) wecken.
  • Auf Reisen keine Gepäcksorgen mehr haben, weil man x Bücher mitnehmen kann und trotzdem noch Platz für eine zweite Garnitur Unterwäsche hat.
  • Sofort und ohne das Haus verlassen zu müssen jede Wunschlektüre zur Verfügung haben.

Am schlimmsten war für mich, dass alle Bücher im Reader gleich aussehen und dass ich die guten Bücher nicht anschließend sofort jemandem in die Hand drücken konnte mit den Worten: „Unbedingt lesen! Sofort!“ – Und am allerallerschlimmsten? Ich konnte mir bei einigen Büchern den Verfassernamen nicht merken. Da der ständige Blick aufs Cover entfällt, kann das schon mal passieren. Gefällt mir aber nicht.

Wenn der Preis für E-Book und Druckbuch gleich oder ähnlich sind, wird sich für mich die Frage niemals stellen, was von beiden ich kaufe. Den Reader werde ich wohl nur für Leihbücher und zu speziellen Anlässen (Reisen!) nutzen. Ansonsten ist er mir nicht sexy genug, und er riecht ja gar nicht …

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(#jdtb16) Yee-haw! ruft (mich) die Prärie …

Es gibt Dinge, die bleiben unerklärlich. Dazu gehört definitiv die Faszination für den Wilden Westen, für Cowboys und Indianer, für die weite Steppe und die Bohnenpfanne am Lagerfeuer. – Und dazu gehört auch die Frage, warum sich jetzt wahrscheinlich nur die halbe Menschheit angesprochen fühlt.

Ich habe als Kind eine Menge Karl May gelesen, Lederstrumpf und Tecumseh, später dann alle Western gesehen, die mir vor die Flinte kamen. Als Student in der mündlichen Abschlussprüfung Westernfilme als Thema gehabt und mich anschließend immer wieder über neue Western gefreut, die hin und wieder in die Kinos kamen (Dead Man, Cold Mountain, Hi-Lo County, etc.). Und natürlich mit Begeisterung die Musik von Hank Williams und Johnny Cash genossen, was auch heute noch gilt.

Literarisch habe ich mich schon seit Ewigkeiten nicht mehr mit dem Thema beschäftigt (mit einer Ausnahme: Die literarische Vorlage der HBO-Serie „Deadwood“ hat mir in schweren Zeiten das Leben versüßt) und mich auch gar nicht auf die Suche danach gemacht.

Und gerade dann, wenn man gar nicht damit rechnet, genau dann erwischt es dich mit Haut und Haaren!

„Stoner“, das andere Buch von John Williams, hat mir schon viel Freude gemacht. Die reduzierte, nüchterne Sprache und dazu die Geschichte eines wortkargen, in sich gekehrten Mannes – der dann Literaturprofessor wird! – hat mich ein paar Tage beschäftigt.

Doch die für mich wohl beeindruckendste Lektüre hat mir „Butcher’s Crossing“ beschert. Es ist schon eine Weile her, dass mich ein Buch so in seinen Bann gezogen hat und mich mit der Hauptfigur mitfiebern ließ.

Und auch hier ist es die fantastische, reduzierte Sprache von Williams (großartig übersetzt von Bernhard Robben), die dem kundigen Auge sofort in selbiges fällt. Den Rest besorgen die Story und ihre Darsteller. Das ist die Story (Klappentext von dtv):

„Es war um 1870, als Will Andrews der Aussicht auf eine glänzende Karriere und Harvard den Rücken kehrt. Beflügelt von der Naturauffassung Ralph W. Emersons, sucht er im Westen nach einer »ursprünglichen Beziehung zur Natur«. In Butcher’s Crossing, einem kleinen Städtchen in Kansas, am Rande von Nirgendwo, wimmelt es von rastlosen Männern, die das Abenteuer suchen und schnell verdientes Geld ebenso schnell wieder vergeuden. Einer von ihnen lockt Andrews mit Geschichten von riesigen Büffelherden, die, versteckt in einem entlegenen Tal tief in den Colorado Rockies, nur eingefangen werden müssten: Andrews schließt sich einer Expedition an, mit dem Ziel, die Tiere aufzuspüren. Die Reise ist aufreibend und strapaziös, aber am Ende erreichen die Männer einen Ort von paradiesischer Schönheit. Doch statt von Ehrfurcht werden sie von Gier ergriffen – und entfesseln eine Tragödie. Ein Roman darüber, wie man im Leben verliert und was man dabei gewinnt.“

Das Buch hat alles, was ein richtiger Western braucht: Revolver, Pferde, Büffel, Männerfreundschaften, Alkohol, Obsessionen, die Liebe zu einer Prostituierten. Und es geht um die großen existenziellen Fragen des Lebens. – Für mich steht fest, dass ich dieses Buch noch öfter lesen werde!

Und nur am Rande: Mir fallen auf Anhieb eine ganze Handvoll Leute ein, denen ich das Buch als unbedingte Lektüre empfehlen werde. Seltsamerweise ist darunter keine Frau … Warum?

(#jdtb16) Heimat und Ferne und Zufälle – und schon wieder ein Bergroman (ein toller dazu)

Ich bin ja nur sehr eingeschränkt ein Fan von Bergliteratur (oder wie heißt das Genre, in dem verschrobene, schweigsame Gestalten das echte Leben vorführen, mit Kuhstallgeruch und viel Blut und allem, was eben zum natürlichen Dasein gehört), wie man schon in meinem Eintrag zu Robert Seethalers „Ein ganzes Leben“ feststellen konnte. Auch wenn ich die Storys manchmal fasziniert und die Atmosphäre oft berauschend finde.

Andrerseits bin ich ein Fan von Verschrobenem, also damit dann zwangsläufig auch einer von österreichischer Literatur (wenn man das so einfach formulieren darf, denn die Literatur unseres sympathischen Nachbarn im Südosten ist ja doch wahnsinnig breitgefächert und aufregend, aber eines scheint dann doch das auffälligste Merkmal zu sein: das Verschrobene, Grantelnde, zugleich vor Fantasie Strotzende und damit Umwerfende!). Neulich erst habe ich ein zufällig im Mitnehmregal des Eiscafés meiner Frau entdecktes Buch nach der Lektüre gleich in einen Briefumschlag gesteckt und einem meiner wenigen lesefreudigen Freunde aus Studentenzeit zukommen lassen, der es ebenso freudig goutiert und sich gleich weitere Bände des Autors zur Brust genommen hat.

Und jetzt bin ich wieder mal über ein Buch gestolpert, das mich bei der Lektüre laut auflachen ließ (wer, bitteschön, macht denn sowas!?) und mir auch sonst in jeder Hinsicht große Freude bereitet hat. Und gleichzeitig einen Stich versetzt hat … – Doch – wie heißt es so schön: Eins nach dem andern.

Der Monat April war ein denkwürdiger Monat, in dem ich mich ein Stück weit in die eigene Vergangenheit begeben konnte. Ohne das vorher noch zu wissen oder zu ahnen.

Anfang des Monats, und zwar richtig am Anfang (Aprilapril) hatte ich Gelegenheit zu einem Bummel in der Stadt, in der ich mein drittes Jahrzehnt zugebracht hatte: Bochum, die faszinierende Studentenstadt in direkter Nachbarschaft meines Heimatörtchens (ein längst untergegangener Bindestrich-Ort, den man in der Regel nur scherzhaft erwähnt). Dort nutzte ich die Gelegenheit zu einem Zwischenstopp in meiner langjährigen Leib-und-Magen-Buchhandlung, wo mir der Juniorchef auch gleich von der Leiter aus zuwinkte. Diese eher kleine Buchhandlung ist auch heute noch ein Wunderhorn unerschöpflicher Literaturtipps und -vorschläge, womit keine Thalia-, Hugendubel- oder andersgenannte Großbuchhandlung mithalten kann.

Da ich leidenschaftlicher Teilnehmer des #djtb16 bin (Jahr des Taschenbuchs 2016) und ich für den Monat April noch kein Buch hatte (wie gesagt, es war ja auch erst der 1. Aprilapril), stellte ich den Juniorchef auf die Probe und bat um Empfehlungen. Er legte mir Vea Kaisers „Blasmusikpop“ ans Herz und in die Hand und ich nahm das Angebot an.

Zum Lesen kam ich dann leider erst einmal nicht, sondern musste stattdessen relativ spontan in die Stadt, in der ich mein viertes Jahrzehnt verbracht hatte: Sibiu/Hermannstadt in Rumänien. Vea Kaiser packte ich nicht ein in mein mit acht Kilogramm knapp bemessenes Handgepäck (auch der Pyjama blieb daheim). Dort angekommen musste ich natürlich dem Ort meiner ehemaligen Verbrechen einen Besuch abstatten und die KollegInnen vom dortigen Lehrstuhl für Germanistik an der Universität in die Arme schließen. Während ich auf dem Flur stand und die Pause erwartete, stellte ich fest, dass ebendiese Vea Kaiser am darauffolgenden Tag eine Lesung im Österreich-Lektorat abhalten würde. Weil ich aber nun das Buch nicht gelesen und mir Fotos der Autorin nicht angeschaut hatte und überdies eingespannt genug war in der knappen Woche mit Freundesbesuchen und Abendessen und Treffen und Gesprächen und Begegnungen, kurz, ich ließ die Lesung sausen und aß lieber Krautwickel mit Polenta (Mamaliga, wie der Rumäne, Palukes, wie der rumänische Präsident sagt) bei lieben Freunden (einer ehemaligen Trauzeugin von mir und ihrem Mann).

Tja, und jetzt kommt die Sache mit dem Schmerz: Blasmusikpop ist ein verdammt witziges Buch, das in den österreichischen Alpen spielt und eine Menge fabelhafter Ideen in sich trägt, die Lachtränen provozieren, ob man will oder nicht. Die Autorin Vea Kaiser allerdings ist für ihr Buch eindeutig viel zu jung und zu hübsch, man mag es gar nicht glauben, dass es von ihr ist. Wenn ich ihr Bild vorher gesehen hätte, dann hätte ich mir das Buch wahrscheinlich nicht gekauft, wäre aber ganz bestimmt zu ihrer Lesung gegangen. Ich habe es gelesen, das Bild gesehen und mich doppelt und dreifach geärgert. Aber eigentlich nur ein bisschen, denn den Spaß beim Lesen hatte ich ohnehin!

Bücher und Weine(n), Bedenken, ein toller preisgekrönter Roman und noch manches andere

Das ist ja das Feine am Bloggen: Man kann einfach loslegen und schreiben, was die Synapsen hergeben. Man muss sich nicht um Regeln kümmern, es wird von niemandem bewertet, abgeschätzt und dann womöglich entsorgt, nein, nach dem Verfassen kann es gleich in die Welt hinausgeschickt werden, ohne Rücksicht auf Standards oder andere Verluste. Über mir nur der Himmel, „sky’s the limit“, sozusagen. Das ist sicher auch Teil des Charmes, den Blogs versprühen (zwischen all den nicht redigierten Rechtschreib- und anderen Fehlern), auf Seiten der Produktion wie auch beim Rezipienten.

Und so schreibt man dann geradewegs drauflos und meistens geht das auch ganz gut. Wenn man den richtigen Schwung hat und den Mut und die Lust. Na, und manchmal klappt das dann auch gar nicht. Da hat man dann einen richtigen Rohrkrepierer, der im schlimmsten Fall nicht nur den gerade begonnenen Text behindert und ausbremst, sondern auch alle weitere Produktivität blockiert, sodass man zu gar nichts mehr in der Lage ist (was das Schreiben betrifft). Tja, und so ist es mir auch ergangen vor einem knappen Monat mit dem folgenden Text, der sich um ein gutes Buch herum entwickelt hat und dann auf halbem Weg die Kraft und den Saft verloren hat und mir die Hände auf den Rücken gebunden und den Mund geknebelt und das Gehirn vernebelt hat. Darauf ein Glas Rotwein, gern Cabernet Sauvignon (z.B. aus Rumänien). Und jetzt der Text, damit die Synapsen endlich wieder tanzen können!

Männer haben es schwer. Vor allem in den bisher Frauen vorbehaltenen Lebensbereichen, denn die sind häufig – im Unterschied zu so mancher inzwischen gefallenen männlichen Bastion – auch heute noch Frauen vorbehalten. Dabei geht es gar nicht mal nur um Aspekte, die aus rein biologischer Sicht am und im weiblichen Körper besser aufgehoben sind, wie beispielsweise das Gebären und Stillen von Nachwuchs. Es gibt auch Dinge, die nicht zwangsläufig fest verankert in Frauenhand bleiben müssen und es ist auch überhaupt nicht einzusehen, warum dieser Bereich auch im 21. Jahrhundert noch vom weiblichen Geschlecht dominiert wird.

Anscheinend handelt es sich dabei um ein tief in unserer Gesellschaft verankertes Tabu, das niemand auch nur andeutungsweise zu benennen wagt. Einmal aber muss jemand sich erheben und mit lauter Stimme bekennen, die Mauern der Ignoranz niederreißen, sich mit der geballten Faust gegen die Brust schlagen und erhobenen Hauptes eingestehen: „Ja, auch ich habe es getan! Und ich werde es wieder tun, wahrscheinlich, soviel ist sicher.“

Das ist mir jüngst wieder eingefallen, bei der Lektüre meines letzten Buches. Vom Inhalt her gehörte es nämlich in die Kategorie der unberührbaren Themen. Eigentlich lese ich keine Bücher, die im Zweiten Weltkrieg spielen und/oder in denen Kinder eine Rolle spielen. Oder Waisen oder Behinderte. Na ja, dieses Buch hatte alles davon, eine französische blinde Halbwaise, einen deutschen Vollwaisen mit befremdlichem Aussehen, obendrein Heimkind mit kleiner Schwester. Und die Handlung findet hauptsächlich zum Ende des Zweiten Weltkriegs statt, wo also bereits Zerstörung und Elend und Entsetzen hinter jeder Ecke lauert.

Wenn mir die Augen staubig sind, dann schneide ich eine Zwiebel oder hau mir mit dem Hammer auf den Finger. Aber ich lese verdammt nochmal kein Buch, bei dem ich garantiert von Gefühlen übermannt werde und irgendwann nicht mehr an mich halten kann und einfach nur noch losheulen muss wie ein Schlosshund. Wer macht denn sowas, bitteschön?

Das erste Mal hatte ich bereits vor einiger Zeit von dem Buch gehört, in einem kurzen Facebook-Beitrag einer amerikanischen Freundin. Dort wurde es hochgelobt, ich hatte mich aber nicht angesprochen gefühlt (aus den genannten Gründen). Zwar hat das Buch auch den Pulitzer-Preis erhalten, was mich aber auch nicht sehr interessiert hat.

Na ja, jetzt habe ich es doch gelesen und muss sagen: Ganz großes Kino! Es ist ein tolles Buch, kitschfrei und nicht übermäßig konstruiert. Gute Unterhaltung mit Substanz ist also garantiert. Allein, ich wurde die ganze Zeit den Eindruck nicht los, dass es sich hier um Schullektüre handelt. Als wäre es dafür geschrieben worden. Und womöglich sind die handelnden Personen alle ein wenig zu gut, von einem durchtriebenen Parfümhändler einmal abgesehen, der dafür eben ein wenig zu schlecht ist. Aber das ist vielleicht auch der Stoff, aus dem Schulbücher gemacht sind.

Und auch erst ziemlich am Ende gab es ein paar herzzerreißende Szenen, die aber nicht explizit darauf angelegt sind. Manchmal bleibt es halt nicht aus, so ist das Leben, in der Realität wie im Buch.