(#jdtb16) Der Flow des Lebens – Karl Ove Knausgårds Kampf

Es gibt Dinge, an denen kommt man nicht vorbei. Häufig sind es dann auch noch solche, von denen man gar nichts wissen will, weil sie einen nicht interessieren, weil sie belanglos sind, weil sie einfach nur doof sind. Trotzdem weiß ich, dass es vor kurzem wieder das Dschungelcamp gab und so ungefähr, wer dabei war. Ich weiß auch, dass Helene Fischer aus der ehemaligen Sowjetunion stammt, einen Hit namens „Atemlos“ und außerdem sehr viel Erfolg hat. Um diese Informationen habe ich mich nie beworben, wollte alles das gar nicht wissen, weiß es trotzdem.

Manche Themen liegen einfach in der Luft, man erfährt ungefragt von ihnen, lässt sie eine Weile links liegen und versucht, sie zu ignorieren. Wie gesagt, das klappt nicht immer, selten oder eher überhaupt nicht. Bei manchen wird man dann irgendwann einfach weich/neugierig und gibt nach und schaut sie sich mal aus der Nähe an.

Ein solcher Fall ist für mich ganz klar Karl Ove Knausgård. In allen Feuilletons und Kultursendungen habe ich von und über ihn gehört und jetzt – endlich und ein bisschen auch, weil es das Jahr des Taschenbuchs (#djtb16) gibt – habe ich das erste Buch von ihm gelesen: „Sterben“, Band eins aus dem sechsbändigen Romanzyklus „Mein Kampf“ (so heißt es im norwegischen Original). Die anderen bereits auf Deutsch veröffentlichten Bände heißen übrigens „Lieben“, „Spielen“ und „Leben“ (die mich vom Titel her viel mehr interessiert hätten, doch ich wollte den ersten Band lesen!).

Es passiert nicht viel in diesem 600 Seiten starken Buch. Nur das Leben. Sein Leben. Dabei ist nichts bei diesen Beschreibungen besonders dramaturgisch aufbereitet, es gibt keine großartigen Spannungsbögen, keine aufregenden Dinge, die geschehen. Dennoch entwickelt das Buch beim Lesen einen unglaublichen Sog, der einen nicht mehr loslässt. Und gegen Ende stockt dem Leser dann doch das eine oder andere Mal der Atem.

Wenn man fragt, wovon der Roman handelt, dann muss man also sagen: Vom Leben und vielleicht noch von der Vergänglichkeit des Lebens und vom Sterben. Es gibt essayistische Teile, es gibt detailgetreue Schilderungen von Szenen aus der Kindheit des Erzählers, Momente mit seinem Bruder und seinem Vater – der im Buch übrigens eine wichtige Rolle spielt.

Spreche ich vom Erzähler, dann fallen mir gleich alle Theorien meines Studiums wieder ein und die damals – bei manchen Professoren – angesagte Vorgabe, den Erzähler strikt vom Autor zu trennen und auf keinen Fall den letztgenannten im Werk zu suchen oder gar Rückschlüsse vom biographischen Hintergrund des Autors auf den Inhalt und die mögliche Bedeutung des Textes zu ziehen.

Bei Knausgård stellt sich dagegen fast die umgekehrte Frage, nämlich ob hier überhaupt etwas bearbeitet wurde oder ob er nicht direkt aus seinen Erinnerungen kopiert und aufgeschrieben hat. Und natürlich muss man sofort widersprechen, denn der Text ist ja kein transkribierter Mitschnitt der Tonspur seines Lebens, sondern eine Kollage ausgewählter Erinnerungen, Überlegungen, Gedanken, Dialogen, erstellt, komponiert und verfasst von einem Mann jenseits der vierzig. – Es geht bei der Be- und Verarbeitung also um die Form, weniger um den Inhalt, denn dieser ist (höchstwahrscheinlich) nicht der Fantasie des Autors entsprungen – wie man es bei Tolkien oder Rowling kennt.

Oder vielleicht doch? Stellen wir uns vor, Knausgård hat all das erfunden, die Personen und Ereignisse, die sich in dieser Form niemals zugetragen haben. Möglich wäre es, wenn man die Details aus dem Wikipedia-Eintrag einfach mal ignoriert.

Die spannende Frage an dieser Stelle: Spielt es für den Leser eine Rolle, ob die Story dieses Romans (Roman! Nicht Autobiographie) erfunden oder erlebt und dann geschickt komponiert und aufgeschrieben ist. Verändert es unsere Rezeption? Ich denke nicht. Wir lesen und ziehen Parallelen zu eigenen Erfahrungen, dem eigenen Leben und Erleben, nicken zustimmend oder schütteln ablehnend den Kopf, schlagen uns entgeistert mit der flachen Hand gegen die Stirn oder lachen schenkelklopfend los. Egal, ob die Geschichte authentisch ist, oder nicht. Das ist der Kniff, der das Ganze spannend macht. Und ob die Dinge, die ich erlebe, real und echt sind, das spielt doch auch fast keine Rolle. Außerdem ist realistisch kein Entscheidungskriterium, wenn es um Kunst geht. Und ob mein Leben realistisch ist … hm, keine Ahnung, ich kenne nur das hier.

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