Archiv für den Monat März 2016

(#jdtb16) Der Flow des Lebens – Karl Ove Knausgårds Kampf

Es gibt Dinge, an denen kommt man nicht vorbei. Häufig sind es dann auch noch solche, von denen man gar nichts wissen will, weil sie einen nicht interessieren, weil sie belanglos sind, weil sie einfach nur doof sind. Trotzdem weiß ich, dass es vor kurzem wieder das Dschungelcamp gab und so ungefähr, wer dabei war. Ich weiß auch, dass Helene Fischer aus der ehemaligen Sowjetunion stammt, einen Hit namens „Atemlos“ und außerdem sehr viel Erfolg hat. Um diese Informationen habe ich mich nie beworben, wollte alles das gar nicht wissen, weiß es trotzdem.

Manche Themen liegen einfach in der Luft, man erfährt ungefragt von ihnen, lässt sie eine Weile links liegen und versucht, sie zu ignorieren. Wie gesagt, das klappt nicht immer, selten oder eher überhaupt nicht. Bei manchen wird man dann irgendwann einfach weich/neugierig und gibt nach und schaut sie sich mal aus der Nähe an.

Ein solcher Fall ist für mich ganz klar Karl Ove Knausgård. In allen Feuilletons und Kultursendungen habe ich von und über ihn gehört und jetzt – endlich und ein bisschen auch, weil es das Jahr des Taschenbuchs (#djtb16) gibt – habe ich das erste Buch von ihm gelesen: „Sterben“, Band eins aus dem sechsbändigen Romanzyklus „Mein Kampf“ (so heißt es im norwegischen Original). Die anderen bereits auf Deutsch veröffentlichten Bände heißen übrigens „Lieben“, „Spielen“ und „Leben“ (die mich vom Titel her viel mehr interessiert hätten, doch ich wollte den ersten Band lesen!).

Es passiert nicht viel in diesem 600 Seiten starken Buch. Nur das Leben. Sein Leben. Dabei ist nichts bei diesen Beschreibungen besonders dramaturgisch aufbereitet, es gibt keine großartigen Spannungsbögen, keine aufregenden Dinge, die geschehen. Dennoch entwickelt das Buch beim Lesen einen unglaublichen Sog, der einen nicht mehr loslässt. Und gegen Ende stockt dem Leser dann doch das eine oder andere Mal der Atem.

Wenn man fragt, wovon der Roman handelt, dann muss man also sagen: Vom Leben und vielleicht noch von der Vergänglichkeit des Lebens und vom Sterben. Es gibt essayistische Teile, es gibt detailgetreue Schilderungen von Szenen aus der Kindheit des Erzählers, Momente mit seinem Bruder und seinem Vater – der im Buch übrigens eine wichtige Rolle spielt.

Spreche ich vom Erzähler, dann fallen mir gleich alle Theorien meines Studiums wieder ein und die damals – bei manchen Professoren – angesagte Vorgabe, den Erzähler strikt vom Autor zu trennen und auf keinen Fall den letztgenannten im Werk zu suchen oder gar Rückschlüsse vom biographischen Hintergrund des Autors auf den Inhalt und die mögliche Bedeutung des Textes zu ziehen.

Bei Knausgård stellt sich dagegen fast die umgekehrte Frage, nämlich ob hier überhaupt etwas bearbeitet wurde oder ob er nicht direkt aus seinen Erinnerungen kopiert und aufgeschrieben hat. Und natürlich muss man sofort widersprechen, denn der Text ist ja kein transkribierter Mitschnitt der Tonspur seines Lebens, sondern eine Kollage ausgewählter Erinnerungen, Überlegungen, Gedanken, Dialogen, erstellt, komponiert und verfasst von einem Mann jenseits der vierzig. – Es geht bei der Be- und Verarbeitung also um die Form, weniger um den Inhalt, denn dieser ist (höchstwahrscheinlich) nicht der Fantasie des Autors entsprungen – wie man es bei Tolkien oder Rowling kennt.

Oder vielleicht doch? Stellen wir uns vor, Knausgård hat all das erfunden, die Personen und Ereignisse, die sich in dieser Form niemals zugetragen haben. Möglich wäre es, wenn man die Details aus dem Wikipedia-Eintrag einfach mal ignoriert.

Die spannende Frage an dieser Stelle: Spielt es für den Leser eine Rolle, ob die Story dieses Romans (Roman! Nicht Autobiographie) erfunden oder erlebt und dann geschickt komponiert und aufgeschrieben ist. Verändert es unsere Rezeption? Ich denke nicht. Wir lesen und ziehen Parallelen zu eigenen Erfahrungen, dem eigenen Leben und Erleben, nicken zustimmend oder schütteln ablehnend den Kopf, schlagen uns entgeistert mit der flachen Hand gegen die Stirn oder lachen schenkelklopfend los. Egal, ob die Geschichte authentisch ist, oder nicht. Das ist der Kniff, der das Ganze spannend macht. Und ob die Dinge, die ich erlebe, real und echt sind, das spielt doch auch fast keine Rolle. Außerdem ist realistisch kein Entscheidungskriterium, wenn es um Kunst geht. Und ob mein Leben realistisch ist … hm, keine Ahnung, ich kenne nur das hier.

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Mord und Totschlag usw. … und da war noch was

Gut, dass wir hier unter uns sind und es sich um einen Blog handelt und nicht um das Feuilleton. Also auch nicht um Literaturkritik im klassischen Sinn, sondern um Literaturkritik im modernen Sinn von Web2.0, subjektiv und aus dem eigenen Nabel heraus. – Das muss zur Einstimmung genügen … (orakelte er).

Ich habe gerade zwei Bücher beendet, die sich gut verkaufen/verkauft haben und deren Verfasser mittlerweile auch bekannt und damit erfolgreich sind. Das eine heißt „Pretty Girls“ und ist von Karin Slaughter, das andere „Abgeschnitten“ von Sebastian Fitzek und Michael Tsokos.

Beide sind gut geschrieben und verdammt spannend, der Verkaufserfolg ist völlig wohlverdient. Auf den Inhalt möchte ich nicht weiter eingehen, nur soviel: Es geht um entführte und missbrauchte und ermordete Mädchen und um fiese, böse und perverse Männer. Und ein paar gute natürlich auch.

Stattdessen möchte ich darlegen, warum ich keine weiteren Bücher der beiden lesen werde, obwohl ich sehr gut unterhalten wurde und die Bücher nur schwer aus der Hand nehmen konnte, als ich mitten drin war.

Ich habe nämlich überhaupt keine Lust, über das erfundene Böse in allen erdenklichen und vorstellbaren Facetten und Nuancen zu lesen. Meist trägt zwar am Ende das Gute den Sieg davon und das Böse stirbt oder wird verhaftet, doch allein schon die detaillierte Schilderung von fiesen, gemeinen und Übelkeit erregenden Dingen ist etwas, mit dem ich nicht meine Zeit verbringen will. Es gibt genug Übles auf der Welt, da muss ich nicht noch ausgedachten Gräueltaten folgen. Ein bisschen habe ich auch den Verdacht, dass es Menschen verändert, wenn sie sich permanent mit solchen Sachen beschäftigen (womit ich nicht sagen will, dass Computerspiele zur Gewalt verleiten oder Pornofilme zur Vergewaltigung). – Es gab eine Zeit, in der ich verstärkt Horrorfilme konsumiert und mich am eigenen Schrecken erfreut habe. Bis ich schließlich auf Filme traf, in denen die Gewalt in keinen Kontext eingebettet, sondern nur aus der schlichten Freude daran exzessiv dargestellt wurde. „Hostel“ war für mich der Wendepunkt, ein Film, in dem junge amerikanische Touristen in Osteuropa entführt und gegen Geld von reichen Männern zu Tode gequält werden. Die Gesellschaftskritik war natürlich einerseits vorhanden, andererseits wirkte es wie ein Deckmäntelchen, um die reine Freude am Splatter zu kaschieren. Die späteren Folgen der „Saw“-Reihe gehen für mich in die gleiche Richtung.

Ich muss ehrlich sagen: Wenn ich die Wahl habe bei Medien, die an meine niederen Instinkte appellieren, dann schaue ich mir lieber gleich Pornofilme an. Da geht es immerhin um positive Dinge, nämlich ums „Liebemachen“.

Kein einziges Mal habe ich mich dabei ertappt, wie ich beim Lesen ein Lächeln auf dem Gesicht hatte und verträumt aus dem Fenster geschaut habe oder nachdenklich geworden bin, dass ich noch Stunden später in Gedanken dabei war.

Fitzek und Slaughter sind gute AutorInnen, gar keine Frage. Ich bin auch der festen Überzeugung, dass zum Beispiel Stephen King ein super Autor ist. Trotzdem werde ich keines seiner ziegeldicken Bücher lesen, aus einem ganz banalen Grund: Mir ist die Zeit zu kostbar. – Ich halte fast alle Filme nach Büchern von Stephen King für großartig bis fantastisch und bin mir sicher, dass die literarischen Vorlagen bestimmt noch besser sind. Trotzdem lasse ich es bei den Verfilmungen bewenden, denn 90 bis 120 Minuten sind genau die richtige Menge Zeit für perfekte Unterhaltung. 700 Seiten in einem Buch dagegen steht für einen gewaltigen Mehraufwand an Lebenszeit, und die möchte ich lieber anders verbringen.

Dass ich nicht falsch verstanden werde: Ich bin kein Vertreter des „Literatur und Kunst allgemein muss das Schöne und Wahre im Menschen, im Leben und der Welt lobpreisen und zelebrieren“, auf gar keinen Fall. Ich würde mich wohl zu Tode langweilen. Aber Mord und Totschlag und Folter und Vergewaltigung zum Zeitvertreib? Ach ne, das ist mir dann doch zu blutig und zu einseitig und zu flach und irgendwie wohl auch zu öde … – Und vor allem: Es bringt mir nix! Keinen Mehrwert, nichts zum Grübeln oder Nachdenken, zum Überdenken womöglich des eigenen Lebens und den Konzepten von Mensch und Gesellschaft und Liebe und Leben und Sterben und Sein und Haben. Aber genau das will ich! Von Literatur! Oder, wenn ich bescheiden sein will, mich wohlfühlen und Freude daran haben, auf der Welt zu sein und zu atmen und zu leben. Genau das will ich nämlich! Vom Leben!