michael_kumpfmuller-die_erziehung_des_mannes

Apokalyptische Landschaften und 1 Lichtblick: das Leben des Mannes (#buchpreis)

Hm, hätte ich es mal nicht bis zum Ende gelesen. Heute Morgen wusste ich noch genau, was ich schreiben wollte, denn der Fall war im Grunde klar. Jetzt aber, nachdem ich die letzte Seite umgeblättert und das Buch beendet habe, jetzt haben sich die Dinge auf einmal geändert und ich bin zutiefst verunsichert.

Michael Kumpfmüller hat eine leichte, eine angenehme Art, die Dinge zu beschreiben, über die er spricht. So hat mir Hampels Fluchten schon sehr gut gefallen und beim Anfang der Erziehung des Mannes hatte mich sein Flow gleich wieder in den Bann gezogen.

Bloß befand ich mich jetzt nicht in einer erotischen Schelmengeschichte, sondern im finstersten Alltagsleid des Protagonisten, des Mannes, der erzählt und leidet: an seinem Vater zuallererst, aber dann auch an den unterschiedlichsten Frauen, die ihn länger begleiten, auch seine Mutter. Doch in erster Linie sind es die Frauen seiner Beziehungs- und Liebesbiographie, an denen er sich sein ganzes Leben – aka vorliegendes Buch – abarbeitet, sich abrichten lässt, eigene Wünsche und Verlangen hintanstellt, ignoriert oder leugnet. Und es trotzdem niemals richtigmacht.

Ich habe mich gequält durch diese Geschichte eines Mannes, bei dem in zwischenmenschlicher Hinsicht irgendwie alles schiefläuft und mich mehr als einmal frustriert und traurig gemacht hat. Wäre nicht die Leichtigkeit der Sprache und des Schreibens gewesen, ich hätte es mir nicht bis zum Ende angetan und das Buch viel früher in die Ecke geworfen.

Habe ich aber nicht und bin sehr froh darüber. Im letzten Abschnitt des dreigeteilten Buches geht nämlich die Sonne auf, der Protagonist kommt zur Ruhe, findet seinen Frieden mit den drei Kindern, beginnt eine Beziehung mit seiner ersten Liebe – zum ersten Mal eine durchgängig respektvolle, auf gegenseitiger Wertschätzung beruhende Beziehung zweier ebenbürtiger Menschen – und kommt zu dem Schluss, dass seine Erziehung wohl jetzt abgeschlossen sei. Übrigens, da ist er schon fast siebzig, als er diese Erkenntnis äußert. Und dem Titel des Buches seinen Sinn und seine Bedeutung gibt.

Vorher habe ich mir mehrfach die Frage genau danach gestellt, ob es um den Mann als solchen geht, dieser hier stellvertretend für das Geschlecht auf der Suche nach selbst den Leidensweg entlangzuwandern hat, oder ob es einfach eine Geschichte über einen Mann ist.

Doch dieser Mann hat offenbar Modellcharakter, er ist der moderne, der verständnisvolle, der passive, der zurücksteckende Mann, der das Tier in sich nur noch leise schnurren hört (und der sich wundert, wenn eine der Freundinnen auf seine Frage nach körperlicher Liebe im Nachhinein meint, dass er sie sich vielleicht einfach hätte nehmen sollen).

Offenbar kommt keines der beiden Geschlechter so richtig mit dem neuen, dem rollenflexiblen Dasein zurecht, doch das Leiden scheint stärker bei den zahn- und mutlosen Männchen zu sein.

Schöne Momente, Augenblicke der Heiterkeit tauchen im Leben des Helden keine auf. Die einzigen Lichtblicke sind kurze Begegnungen mit – na klar, was sonst – Frauen, zu denen es jedoch keine tieferen, längeren, intensiveren Beziehungen gibt, aus welchen Gründen auch immer. Die anderen Frauen, mit denen er Kinder hat oder viel Zeit verbringt (gemeinsames Wohnen etc.), das sind die Mühlsteine um seinen Hals, während er durchs Leben schwimmt.

Doch das Ende – wie gesagt, das Ende ist versöhnlich, das Ende ist gut. Und da wusste ich auch, warum dieser Titel auf der Longlist steht. Während der letzten dreißig Seiten wurde das Bild klar, das Herz weit, die Hoffnung gestärkt. Davor war alles finster und elend.

Strunk-Modick

Gift und Gegengift oder: Die echte Welt in all ihrer Entsetzlichkeit und Schönheit

Ein spannendes Thema, welches noch nicht ausreichend behandelt wurde – zumindest ist es mir bisher nicht untergekommen -, das ist die Frage nach den Effekten von aufeinanderfolgenden Lektüren. Ich lese ein Buch, beende es und wende mich dann einem neuen Buch zu, wobei ich in der Regel noch gefangen bin in der Gedankenwelt des beendeten Werkes und mich so auch nicht völlig neutral und unbefangen mich ins neue Universum stürze. Synergie-Effekte der besonderen Art, in gewisser Weise.

Zugegeben, das ist mir auch jetzt erst richtig bewusst geworden, als ich mich in ein sprichwörtliches Wechselbad der Gefühle begeben habe. Zwei Bücher über echte Männer, die gelebt und gelitten haben und zum Anlass für die von mir gelesenen Bücher wurden – nach den Fitzeks, Olsens, Slaughters dieser Welt mal was anderes.

Das erste Buch war „Der Goldene Handschuh“ von Heinz Strunk über den Prostituiertenmörder Fritz „Fiete“ Honka, der in den 70er Jahren insgesamt vier Prostituierte in Hamburg ermordet und zerstückelt hat. Das schmale Bändchen mit seiner nüchternen, lakonischen Sprache, die Entsetzliches benennt und bei aller Schrecklichkeit manche groteske Szene mit bizarrer Komik ausstattet ist trotz allem von erschütternder Sachlichkeit. – Die Beschreibung des Alltags in der Gosse, mit Gestank und Exkrementen und Gewalt und – ja, auch das, obwohl es so gar nicht in diese Aufreihung passen mag – Sex, aber einem pervertierten und alles andere als romantischem Sex, all das hat mich lange verfolgt und mich nicht gerade fröhlich gemacht. Angesichts des zeitgleich dazu herrschenden fantastischen Bilderbuchwetters draußen eine mehr als skurrile Erfahrung.

Gleich im Anschluss an den Goldenen Handschuh habe ich zu einem diametral entgegengesetzten Buch gegriffen, nämlich „Konzert ohne Dichter“ von Klaus Modick. In diesem Buch geht es um den Maler Heinrich Vogeler und sein Verhältnis zum Dichter Rainer Maria Rilke, die beide eine Zeitlang in der Künstlersiedlung in Worpswede lebten. Es geht um die zerrüttete Freundschaft der beiden, um das vielleicht berühmteste Gemälde von Vogeler, das dem Buch seinen Titel gibt – und auf dem der Dichter Rilke fehlt – und nebenbei natürlich um das Leben der künstlerischen Bohème – wenn man so sagen mag, denn die Künstler in Worpswede befinden sich zwar in ihrer kunstgesättigten Parallelwelt, allerdings nicht in der Großstadt, wie man es von den Künstlern der vorletzten Jahrhundertwende und der zwei Jahrzehnte danach kennt – in Paris, Zürich, Berlin -, sondern in dem naturverbundenen Refugium des norddeutschen Dorfes Worpswede.

Hier geht es nicht um den Bodensatz der Gesellschaft, um Elend, Krankheit und Zerstörung, hier geht es um das Schöne, das Elegante und ein Leben im Dienste der Kunst. Für mich war es wie ein Verband mit einer Salbe aus frisch gepflückten Heilkräutern auf der schmerzenden Wunde, die der goldene Handschuh in mein Fleisch gerissen hat. Wieder einmal hat die Literatur Leben gerettet und Wunden geheilt! Vielleicht sollte man sich auch einen Elfenbeinturm bauen und sich darin zurückziehen. Das Argument, damit dem wirklichen Leben zu entfliehen und die Augen vor der grausamen Realität und dem Elend zu verschließen, muss man nicht gelten lassen. So lange man atmet und isst und trinkt, ist es doch das wirkliche Leben und vielleicht muss nicht jeder die Nase in jeden Scheißhaufen stecken.

Für den Fall, dass es mit dem Elfenbeinturm nicht so schnell klappt, gibt es Trost: In jedem Bücherregal finden sich die Schlüssel zu temporären Fluchtorten. Mein nächster liegt schon bereit, ein Buch über die Begegnung von Johann Wolfgang von Goethe mit Caspar David Friedrich …!

Wo ist der Reader?

E oder echt, das sei hier die Frage! – Über E-Book-Reading und klassisches Seitenumblättern

Seit einem halben Jahr bin ich auch Besitzer eines E-Book-Readers. Ziemlich spät, ich weiß, aber bisher war es einfach kein Thema für mich gewesen und erst nach einem zufälligen Leseversuch kam ich darauf und habe mir ein Lesegerät angeschafft.

In der Zwischenzeit habe ich eine Menge Bücher als E-Book gelesen und mir einen ersten Eindruck verschafft. Und wenn ich nun die beiden Lesevarianten – also E-Book oder gedrucktes Buch aus Papier – auf die Waage legen würde, dann wäre das Ergebnis eindeutig. Das klassische Buch hat weiterhin all meine Sympathie und wird von mir im Zweifelsfall immer den Vorzug bekommen.

Die Gründe dafür? Der Geruch des Buches, die Oberfläche des Papiers, das Rascheln beim Umblättern, die Gestaltung von Umschlag und Cover, der Anblick des Buches auf dem Nachttisch, dem Küchentisch, in der Tasche, auf dem Sofa oder auf der Fensterbank im Badezimmer, die Möglichkeit des Zeigens, des Weitergebens (Vererbens!?), des Ins-Regal-Stellens. – Alles das hat und kann und bietet das E-Book nicht.

Trotzdem möchte ich das E-Book nicht verdammen, denn es hat auch seine guten Seiten:

  • Nachts im Bett den Reader in einer Hand halten und wegen der eingebauten Beleuchtung keine schlafenden Hunde (oder Frauen) wecken.
  • Auf Reisen keine Gepäcksorgen mehr haben, weil man x Bücher mitnehmen kann und trotzdem noch Platz für eine zweite Garnitur Unterwäsche hat.
  • Sofort und ohne das Haus verlassen zu müssen jede Wunschlektüre zur Verfügung haben.

Am schlimmsten war für mich, dass alle Bücher im Reader gleich aussehen und dass ich die guten Bücher nicht anschließend sofort jemandem in die Hand drücken konnte mit den Worten: „Unbedingt lesen! Sofort!“ – Und am allerallerschlimmsten? Ich konnte mir bei einigen Büchern den Verfassernamen nicht merken. Da der ständige Blick aufs Cover entfällt, kann das schon mal passieren. Gefällt mir aber nicht.

Wenn der Preis für E-Book und Druckbuch gleich oder ähnlich sind, wird sich für mich die Frage niemals stellen, was von beiden ich kaufe. Den Reader werde ich wohl nur für Leihbücher und zu speziellen Anlässen (Reisen!) nutzen. Ansonsten ist er mir nicht sexy genug, und er riecht ja gar nicht …

Butchers_Crossing

(#jdtb16) Yee-haw! ruft (mich) die Prärie …

Es gibt Dinge, die bleiben unerklärlich. Dazu gehört definitiv die Faszination für den Wilden Westen, für Cowboys und Indianer, für die weite Steppe und die Bohnenpfanne am Lagerfeuer. – Und dazu gehört auch die Frage, warum sich jetzt wahrscheinlich nur die halbe Menschheit angesprochen fühlt.

Ich habe als Kind eine Menge Karl May gelesen, Lederstrumpf und Tecumseh, später dann alle Western gesehen, die mir vor die Flinte kamen. Als Student in der mündlichen Abschlussprüfung Westernfilme als Thema gehabt und mich anschließend immer wieder über neue Western gefreut, die hin und wieder in die Kinos kamen (Dead Man, Cold Mountain, Hi-Lo County, etc.). Und natürlich mit Begeisterung die Musik von Hank Williams und Johnny Cash genossen, was auch heute noch gilt.

Literarisch habe ich mich schon seit Ewigkeiten nicht mehr mit dem Thema beschäftigt (mit einer Ausnahme: Die literarische Vorlage der HBO-Serie „Deadwood“ hat mir in schweren Zeiten das Leben versüßt) und mich auch gar nicht auf die Suche danach gemacht.

Und gerade dann, wenn man gar nicht damit rechnet, genau dann erwischt es dich mit Haut und Haaren!

„Stoner“, das andere Buch von John Williams, hat mir schon viel Freude gemacht. Die reduzierte, nüchterne Sprache und dazu die Geschichte eines wortkargen, in sich gekehrten Mannes – der dann Literaturprofessor wird! – hat mich ein paar Tage beschäftigt.

Doch die für mich wohl beeindruckendste Lektüre hat mir „Butcher’s Crossing“ beschert. Es ist schon eine Weile her, dass mich ein Buch so in seinen Bann gezogen hat und mich mit der Hauptfigur mitfiebern ließ.

Und auch hier ist es die fantastische, reduzierte Sprache von Williams (großartig übersetzt von Bernhard Robben), die dem kundigen Auge sofort in selbiges fällt. Den Rest besorgen die Story und ihre Darsteller. Das ist die Story (Klappentext von dtv):

„Es war um 1870, als Will Andrews der Aussicht auf eine glänzende Karriere und Harvard den Rücken kehrt. Beflügelt von der Naturauffassung Ralph W. Emersons, sucht er im Westen nach einer »ursprünglichen Beziehung zur Natur«. In Butcher’s Crossing, einem kleinen Städtchen in Kansas, am Rande von Nirgendwo, wimmelt es von rastlosen Männern, die das Abenteuer suchen und schnell verdientes Geld ebenso schnell wieder vergeuden. Einer von ihnen lockt Andrews mit Geschichten von riesigen Büffelherden, die, versteckt in einem entlegenen Tal tief in den Colorado Rockies, nur eingefangen werden müssten: Andrews schließt sich einer Expedition an, mit dem Ziel, die Tiere aufzuspüren. Die Reise ist aufreibend und strapaziös, aber am Ende erreichen die Männer einen Ort von paradiesischer Schönheit. Doch statt von Ehrfurcht werden sie von Gier ergriffen – und entfesseln eine Tragödie. Ein Roman darüber, wie man im Leben verliert und was man dabei gewinnt.“

Das Buch hat alles, was ein richtiger Western braucht: Revolver, Pferde, Büffel, Männerfreundschaften, Alkohol, Obsessionen, die Liebe zu einer Prostituierten. Und es geht um die großen existenziellen Fragen des Lebens. – Für mich steht fest, dass ich dieses Buch noch öfter lesen werde!

Und nur am Rande: Mir fallen auf Anhieb eine ganze Handvoll Leute ein, denen ich das Buch als unbedingte Lektüre empfehlen werde. Seltsamerweise ist darunter keine Frau … Warum?

Vea_Kaiser-Blasmusikpop

(#jdtb16) Heimat und Ferne und Zufälle – und schon wieder ein Bergroman (ein toller dazu)

Ich bin ja nur sehr eingeschränkt ein Fan von Bergliteratur (oder wie heißt das Genre, in dem verschrobene, schweigsame Gestalten das echte Leben vorführen, mit Kuhstallgeruch und viel Blut und allem, was eben zum natürlichen Dasein gehört), wie man schon in meinem Eintrag zu Robert Seethalers „Ein ganzes Leben“ feststellen konnte. Auch wenn ich die Storys manchmal fasziniert und die Atmosphäre oft berauschend finde.

Andrerseits bin ich ein Fan von Verschrobenem, also damit dann zwangsläufig auch einer von österreichischer Literatur (wenn man das so einfach formulieren darf, denn die Literatur unseres sympathischen Nachbarn im Südosten ist ja doch wahnsinnig breitgefächert und aufregend, aber eines scheint dann doch das auffälligste Merkmal zu sein: das Verschrobene, Grantelnde, zugleich vor Fantasie Strotzende und damit Umwerfende!). Neulich erst habe ich ein zufällig im Mitnehmregal des Eiscafés meiner Frau entdecktes Buch nach der Lektüre gleich in einen Briefumschlag gesteckt und einem meiner wenigen lesefreudigen Freunde aus Studentenzeit zukommen lassen, der es ebenso freudig goutiert und sich gleich weitere Bände des Autors zur Brust genommen hat.

Und jetzt bin ich wieder mal über ein Buch gestolpert, das mich bei der Lektüre laut auflachen ließ (wer, bitteschön, macht denn sowas!?) und mir auch sonst in jeder Hinsicht große Freude bereitet hat. Und gleichzeitig einen Stich versetzt hat … – Doch – wie heißt es so schön: Eins nach dem andern.

Der Monat April war ein denkwürdiger Monat, in dem ich mich ein Stück weit in die eigene Vergangenheit begeben konnte. Ohne das vorher noch zu wissen oder zu ahnen.

Anfang des Monats, und zwar richtig am Anfang (Aprilapril) hatte ich Gelegenheit zu einem Bummel in der Stadt, in der ich mein drittes Jahrzehnt zugebracht hatte: Bochum, die faszinierende Studentenstadt in direkter Nachbarschaft meines Heimatörtchens (ein längst untergegangener Bindestrich-Ort, den man in der Regel nur scherzhaft erwähnt). Dort nutzte ich die Gelegenheit zu einem Zwischenstopp in meiner langjährigen Leib-und-Magen-Buchhandlung, wo mir der Juniorchef auch gleich von der Leiter aus zuwinkte. Diese eher kleine Buchhandlung ist auch heute noch ein Wunderhorn unerschöpflicher Literaturtipps und -vorschläge, womit keine Thalia-, Hugendubel- oder andersgenannte Großbuchhandlung mithalten kann.

Da ich leidenschaftlicher Teilnehmer des #djtb16 bin (Jahr des Taschenbuchs 2016) und ich für den Monat April noch kein Buch hatte (wie gesagt, es war ja auch erst der 1. Aprilapril), stellte ich den Juniorchef auf die Probe und bat um Empfehlungen. Er legte mir Vea Kaisers „Blasmusikpop“ ans Herz und in die Hand und ich nahm das Angebot an.

Zum Lesen kam ich dann leider erst einmal nicht, sondern musste stattdessen relativ spontan in die Stadt, in der ich mein viertes Jahrzehnt verbracht hatte: Sibiu/Hermannstadt in Rumänien. Vea Kaiser packte ich nicht ein in mein mit acht Kilogramm knapp bemessenes Handgepäck (auch der Pyjama blieb daheim). Dort angekommen musste ich natürlich dem Ort meiner ehemaligen Verbrechen einen Besuch abstatten und die KollegInnen vom dortigen Lehrstuhl für Germanistik an der Universität in die Arme schließen. Während ich auf dem Flur stand und die Pause erwartete, stellte ich fest, dass ebendiese Vea Kaiser am darauffolgenden Tag eine Lesung im Österreich-Lektorat abhalten würde. Weil ich aber nun das Buch nicht gelesen und mir Fotos der Autorin nicht angeschaut hatte und überdies eingespannt genug war in der knappen Woche mit Freundesbesuchen und Abendessen und Treffen und Gesprächen und Begegnungen, kurz, ich ließ die Lesung sausen und aß lieber Krautwickel mit Polenta (Mamaliga, wie der Rumäne, Palukes, wie der rumänische Präsident sagt) bei lieben Freunden (einer ehemaligen Trauzeugin von mir und ihrem Mann).

Tja, und jetzt kommt die Sache mit dem Schmerz: Blasmusikpop ist ein verdammt witziges Buch, das in den österreichischen Alpen spielt und eine Menge fabelhafter Ideen in sich trägt, die Lachtränen provozieren, ob man will oder nicht. Die Autorin Vea Kaiser allerdings ist für ihr Buch eindeutig viel zu jung und zu hübsch, man mag es gar nicht glauben, dass es von ihr ist. Wenn ich ihr Bild vorher gesehen hätte, dann hätte ich mir das Buch wahrscheinlich nicht gekauft, wäre aber ganz bestimmt zu ihrer Lesung gegangen. Ich habe es gelesen, das Bild gesehen und mich doppelt und dreifach geärgert. Aber eigentlich nur ein bisschen, denn den Spaß beim Lesen hatte ich ohnehin!

Anthony-Doerr_Alles-Licht

Bücher und Weine(n), Bedenken, ein toller preisgekrönter Roman und noch manches andere

Das ist ja das Feine am Bloggen: Man kann einfach loslegen und schreiben, was die Synapsen hergeben. Man muss sich nicht um Regeln kümmern, es wird von niemandem bewertet, abgeschätzt und dann womöglich entsorgt, nein, nach dem Verfassen kann es gleich in die Welt hinausgeschickt werden, ohne Rücksicht auf Standards oder andere Verluste. Über mir nur der Himmel, „sky’s the limit“, sozusagen. Das ist sicher auch Teil des Charmes, den Blogs versprühen (zwischen all den nicht redigierten Rechtschreib- und anderen Fehlern), auf Seiten der Produktion wie auch beim Rezipienten.

Und so schreibt man dann geradewegs drauflos und meistens geht das auch ganz gut. Wenn man den richtigen Schwung hat und den Mut und die Lust. Na, und manchmal klappt das dann auch gar nicht. Da hat man dann einen richtigen Rohrkrepierer, der im schlimmsten Fall nicht nur den gerade begonnenen Text behindert und ausbremst, sondern auch alle weitere Produktivität blockiert, sodass man zu gar nichts mehr in der Lage ist (was das Schreiben betrifft). Tja, und so ist es mir auch ergangen vor einem knappen Monat mit dem folgenden Text, der sich um ein gutes Buch herum entwickelt hat und dann auf halbem Weg die Kraft und den Saft verloren hat und mir die Hände auf den Rücken gebunden und den Mund geknebelt und das Gehirn vernebelt hat. Darauf ein Glas Rotwein, gern Cabernet Sauvignon (z.B. aus Rumänien). Und jetzt der Text, damit die Synapsen endlich wieder tanzen können!

Männer haben es schwer. Vor allem in den bisher Frauen vorbehaltenen Lebensbereichen, denn die sind häufig – im Unterschied zu so mancher inzwischen gefallenen männlichen Bastion – auch heute noch Frauen vorbehalten. Dabei geht es gar nicht mal nur um Aspekte, die aus rein biologischer Sicht am und im weiblichen Körper besser aufgehoben sind, wie beispielsweise das Gebären und Stillen von Nachwuchs. Es gibt auch Dinge, die nicht zwangsläufig fest verankert in Frauenhand bleiben müssen und es ist auch überhaupt nicht einzusehen, warum dieser Bereich auch im 21. Jahrhundert noch vom weiblichen Geschlecht dominiert wird.

Anscheinend handelt es sich dabei um ein tief in unserer Gesellschaft verankertes Tabu, das niemand auch nur andeutungsweise zu benennen wagt. Einmal aber muss jemand sich erheben und mit lauter Stimme bekennen, die Mauern der Ignoranz niederreißen, sich mit der geballten Faust gegen die Brust schlagen und erhobenen Hauptes eingestehen: „Ja, auch ich habe es getan! Und ich werde es wieder tun, wahrscheinlich, soviel ist sicher.“

Das ist mir jüngst wieder eingefallen, bei der Lektüre meines letzten Buches. Vom Inhalt her gehörte es nämlich in die Kategorie der unberührbaren Themen. Eigentlich lese ich keine Bücher, die im Zweiten Weltkrieg spielen und/oder in denen Kinder eine Rolle spielen. Oder Waisen oder Behinderte. Na ja, dieses Buch hatte alles davon, eine französische blinde Halbwaise, einen deutschen Vollwaisen mit befremdlichem Aussehen, obendrein Heimkind mit kleiner Schwester. Und die Handlung findet hauptsächlich zum Ende des Zweiten Weltkriegs statt, wo also bereits Zerstörung und Elend und Entsetzen hinter jeder Ecke lauert.

Wenn mir die Augen staubig sind, dann schneide ich eine Zwiebel oder hau mir mit dem Hammer auf den Finger. Aber ich lese verdammt nochmal kein Buch, bei dem ich garantiert von Gefühlen übermannt werde und irgendwann nicht mehr an mich halten kann und einfach nur noch losheulen muss wie ein Schlosshund. Wer macht denn sowas, bitteschön?

Das erste Mal hatte ich bereits vor einiger Zeit von dem Buch gehört, in einem kurzen Facebook-Beitrag einer amerikanischen Freundin. Dort wurde es hochgelobt, ich hatte mich aber nicht angesprochen gefühlt (aus den genannten Gründen). Zwar hat das Buch auch den Pulitzer-Preis erhalten, was mich aber auch nicht sehr interessiert hat.

Na ja, jetzt habe ich es doch gelesen und muss sagen: Ganz großes Kino! Es ist ein tolles Buch, kitschfrei und nicht übermäßig konstruiert. Gute Unterhaltung mit Substanz ist also garantiert. Allein, ich wurde die ganze Zeit den Eindruck nicht los, dass es sich hier um Schullektüre handelt. Als wäre es dafür geschrieben worden. Und womöglich sind die handelnden Personen alle ein wenig zu gut, von einem durchtriebenen Parfümhändler einmal abgesehen, der dafür eben ein wenig zu schlecht ist. Aber das ist vielleicht auch der Stoff, aus dem Schulbücher gemacht sind.

Und auch erst ziemlich am Ende gab es ein paar herzzerreißende Szenen, die aber nicht explizit darauf angelegt sind. Manchmal bleibt es halt nicht aus, so ist das Leben, in der Realität wie im Buch.

Knausgard-Sterben

(#jdtb16) Der Flow des Lebens – Karl Ove Knausgårds Kampf

Es gibt Dinge, an denen kommt man nicht vorbei. Häufig sind es dann auch noch solche, von denen man gar nichts wissen will, weil sie einen nicht interessieren, weil sie belanglos sind, weil sie einfach nur doof sind. Trotzdem weiß ich, dass es vor kurzem wieder das Dschungelcamp gab und so ungefähr, wer dabei war. Ich weiß auch, dass Helene Fischer aus der ehemaligen Sowjetunion stammt, einen Hit namens „Atemlos“ und außerdem sehr viel Erfolg hat. Um diese Informationen habe ich mich nie beworben, wollte alles das gar nicht wissen, weiß es trotzdem.

Manche Themen liegen einfach in der Luft, man erfährt ungefragt von ihnen, lässt sie eine Weile links liegen und versucht, sie zu ignorieren. Wie gesagt, das klappt nicht immer, selten oder eher überhaupt nicht. Bei manchen wird man dann irgendwann einfach weich/neugierig und gibt nach und schaut sie sich mal aus der Nähe an.

Ein solcher Fall ist für mich ganz klar Karl Ove Knausgård. In allen Feuilletons und Kultursendungen habe ich von und über ihn gehört und jetzt – endlich und ein bisschen auch, weil es das Jahr des Taschenbuchs (#djtb16) gibt – habe ich das erste Buch von ihm gelesen: „Sterben“, Band eins aus dem sechsbändigen Romanzyklus „Mein Kampf“ (so heißt es im norwegischen Original). Die anderen bereits auf Deutsch veröffentlichten Bände heißen übrigens „Lieben“, „Spielen“ und „Leben“ (die mich vom Titel her viel mehr interessiert hätten, doch ich wollte den ersten Band lesen!).

Es passiert nicht viel in diesem 600 Seiten starken Buch. Nur das Leben. Sein Leben. Dabei ist nichts bei diesen Beschreibungen besonders dramaturgisch aufbereitet, es gibt keine großartigen Spannungsbögen, keine aufregenden Dinge, die geschehen. Dennoch entwickelt das Buch beim Lesen einen unglaublichen Sog, der einen nicht mehr loslässt. Und gegen Ende stockt dem Leser dann doch das eine oder andere Mal der Atem.

Wenn man fragt, wovon der Roman handelt, dann muss man also sagen: Vom Leben und vielleicht noch von der Vergänglichkeit des Lebens und vom Sterben. Es gibt essayistische Teile, es gibt detailgetreue Schilderungen von Szenen aus der Kindheit des Erzählers, Momente mit seinem Bruder und seinem Vater – der im Buch übrigens eine wichtige Rolle spielt.

Spreche ich vom Erzähler, dann fallen mir gleich alle Theorien meines Studiums wieder ein und die damals – bei manchen Professoren – angesagte Vorgabe, den Erzähler strikt vom Autor zu trennen und auf keinen Fall den letztgenannten im Werk zu suchen oder gar Rückschlüsse vom biographischen Hintergrund des Autors auf den Inhalt und die mögliche Bedeutung des Textes zu ziehen.

Bei Knausgård stellt sich dagegen fast die umgekehrte Frage, nämlich ob hier überhaupt etwas bearbeitet wurde oder ob er nicht direkt aus seinen Erinnerungen kopiert und aufgeschrieben hat. Und natürlich muss man sofort widersprechen, denn der Text ist ja kein transkribierter Mitschnitt der Tonspur seines Lebens, sondern eine Kollage ausgewählter Erinnerungen, Überlegungen, Gedanken, Dialogen, erstellt, komponiert und verfasst von einem Mann jenseits der vierzig. – Es geht bei der Be- und Verarbeitung also um die Form, weniger um den Inhalt, denn dieser ist (höchstwahrscheinlich) nicht der Fantasie des Autors entsprungen – wie man es bei Tolkien oder Rowling kennt.

Oder vielleicht doch? Stellen wir uns vor, Knausgård hat all das erfunden, die Personen und Ereignisse, die sich in dieser Form niemals zugetragen haben. Möglich wäre es, wenn man die Details aus dem Wikipedia-Eintrag einfach mal ignoriert.

Die spannende Frage an dieser Stelle: Spielt es für den Leser eine Rolle, ob die Story dieses Romans (Roman! Nicht Autobiographie) erfunden oder erlebt und dann geschickt komponiert und aufgeschrieben ist. Verändert es unsere Rezeption? Ich denke nicht. Wir lesen und ziehen Parallelen zu eigenen Erfahrungen, dem eigenen Leben und Erleben, nicken zustimmend oder schütteln ablehnend den Kopf, schlagen uns entgeistert mit der flachen Hand gegen die Stirn oder lachen schenkelklopfend los. Egal, ob die Geschichte authentisch ist, oder nicht. Das ist der Kniff, der das Ganze spannend macht. Und ob die Dinge, die ich erlebe, real und echt sind, das spielt doch auch fast keine Rolle. Außerdem ist realistisch kein Entscheidungskriterium, wenn es um Kunst geht. Und ob mein Leben realistisch ist … hm, keine Ahnung, ich kenne nur das hier.

1231600-Karin_Slaughter_-_Pretty_Girls

Mord und Totschlag usw. … und da war noch was

Gut, dass wir hier unter uns sind und es sich um einen Blog handelt und nicht um das Feuilleton. Also auch nicht um Literaturkritik im klassischen Sinn, sondern um Literaturkritik im modernen Sinn von Web2.0, subjektiv und aus dem eigenen Nabel heraus. – Das muss zur Einstimmung genügen … (orakelte er).

Ich habe gerade zwei Bücher beendet, die sich gut verkaufen/verkauft haben und deren Verfasser mittlerweile auch bekannt und damit erfolgreich sind. Das eine heißt „Pretty Girls“ und ist von Karin Slaughter, das andere „Abgeschnitten“ von Sebastian Fitzek und Michael Tsokos.

Beide sind gut geschrieben und verdammt spannend, der Verkaufserfolg ist völlig wohlverdient. Auf den Inhalt möchte ich nicht weiter eingehen, nur soviel: Es geht um entführte und missbrauchte und ermordete Mädchen und um fiese, böse und perverse Männer. Und ein paar gute natürlich auch.

Stattdessen möchte ich darlegen, warum ich keine weiteren Bücher der beiden lesen werde, obwohl ich sehr gut unterhalten wurde und die Bücher nur schwer aus der Hand nehmen konnte, als ich mitten drin war.

Ich habe nämlich überhaupt keine Lust, über das erfundene Böse in allen erdenklichen und vorstellbaren Facetten und Nuancen zu lesen. Meist trägt zwar am Ende das Gute den Sieg davon und das Böse stirbt oder wird verhaftet, doch allein schon die detaillierte Schilderung von fiesen, gemeinen und Übelkeit erregenden Dingen ist etwas, mit dem ich nicht meine Zeit verbringen will. Es gibt genug Übles auf der Welt, da muss ich nicht noch ausgedachten Gräueltaten folgen. Ein bisschen habe ich auch den Verdacht, dass es Menschen verändert, wenn sie sich permanent mit solchen Sachen beschäftigen (womit ich nicht sagen will, dass Computerspiele zur Gewalt verleiten oder Pornofilme zur Vergewaltigung). – Es gab eine Zeit, in der ich verstärkt Horrorfilme konsumiert und mich am eigenen Schrecken erfreut habe. Bis ich schließlich auf Filme traf, in denen die Gewalt in keinen Kontext eingebettet, sondern nur aus der schlichten Freude daran exzessiv dargestellt wurde. „Hostel“ war für mich der Wendepunkt, ein Film, in dem junge amerikanische Touristen in Osteuropa entführt und gegen Geld von reichen Männern zu Tode gequält werden. Die Gesellschaftskritik war natürlich einerseits vorhanden, andererseits wirkte es wie ein Deckmäntelchen, um die reine Freude am Splatter zu kaschieren. Die späteren Folgen der „Saw“-Reihe gehen für mich in die gleiche Richtung.

Ich muss ehrlich sagen: Wenn ich die Wahl habe bei Medien, die an meine niederen Instinkte appellieren, dann schaue ich mir lieber gleich Pornofilme an. Da geht es immerhin um positive Dinge, nämlich ums „Liebemachen“.

Kein einziges Mal habe ich mich dabei ertappt, wie ich beim Lesen ein Lächeln auf dem Gesicht hatte und verträumt aus dem Fenster geschaut habe oder nachdenklich geworden bin, dass ich noch Stunden später in Gedanken dabei war.

Fitzek und Slaughter sind gute AutorInnen, gar keine Frage. Ich bin auch der festen Überzeugung, dass zum Beispiel Stephen King ein super Autor ist. Trotzdem werde ich keines seiner ziegeldicken Bücher lesen, aus einem ganz banalen Grund: Mir ist die Zeit zu kostbar. – Ich halte fast alle Filme nach Büchern von Stephen King für großartig bis fantastisch und bin mir sicher, dass die literarischen Vorlagen bestimmt noch besser sind. Trotzdem lasse ich es bei den Verfilmungen bewenden, denn 90 bis 120 Minuten sind genau die richtige Menge Zeit für perfekte Unterhaltung. 700 Seiten in einem Buch dagegen steht für einen gewaltigen Mehraufwand an Lebenszeit, und die möchte ich lieber anders verbringen.

Dass ich nicht falsch verstanden werde: Ich bin kein Vertreter des „Literatur und Kunst allgemein muss das Schöne und Wahre im Menschen, im Leben und der Welt lobpreisen und zelebrieren“, auf gar keinen Fall. Ich würde mich wohl zu Tode langweilen. Aber Mord und Totschlag und Folter und Vergewaltigung zum Zeitvertreib? Ach ne, das ist mir dann doch zu blutig und zu einseitig und zu flach und irgendwie wohl auch zu öde … – Und vor allem: Es bringt mir nix! Keinen Mehrwert, nichts zum Grübeln oder Nachdenken, zum Überdenken womöglich des eigenen Lebens und den Konzepten von Mensch und Gesellschaft und Liebe und Leben und Sterben und Sein und Haben. Aber genau das will ich! Von Literatur! Oder, wenn ich bescheiden sein will, mich wohlfühlen und Freude daran haben, auf der Welt zu sein und zu atmen und zu leben. Genau das will ich nämlich! Vom Leben!

Ein ganzes Leben von Robert Seethaler

(#jdtb16)Ein Buch, das nicht viele Worte macht über einen, der auch nicht viel redet (und ganz toll ist, mich aber trotzdem genervt hat)

Bin ich wohl mit Leib und Seele wieder voll drauf reingefallen, auf die Naturkind-Schweiger-Raues-Leben-Romantik-Schiene. Habe es genossen, keine Frage, aber das ist ja das Perfide an diesem Genre (oder an Literatur überhaupt?): Wenn sie gut ist, dann reißt sie dich mit. Wenn du Glück hast, dann geschieht das mit Themen, die du voll und ganz unterschreibst und als für dich passend abgeheftet hast. Na, und wenn du Pech hast, dann kriegt sie dich trotzdem, doch du reibst dir nachher verwundert über den Kopf und merkst, dass du mal wieder in die Falle gelaufen bist.

Worum geht es? Robert Seethaler hat mit markanter Sprache, wenig und wohlgewählten Worten und dem richtigen Tonfall, ein Buch geschrieben, das eine Menge zufriedener Leser gefunden hat. Ich hatte das Buch eigentlich nicht auf meinem Einkaufszettel, habe es dann aus eher banalen Gründen ins Körbchen gelegt (ich mache mit bei der Jahr-des-Taschenbuchs-Challenge – #jdtb16 -, d.h. ich kaufe und lese jeden Monat ein Taschenbuch. Für den Monat Februar hatte ich mir ein etwas dickeres Buch angeschafft, bin dann aber aufgrund anderer Leseverpflichtungen nicht zur Lektüre gekommen und brauchte nun schnell ein dünnes Werk, weshalb ich auf Seethaler verfiel …).

Es geht in dem Buch „Ein ganzes Leben“ um das Leben eines einfachen Bergjungen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Er ist Pflegekind bei seinem Onkel, hat es entsprechend nicht leicht und schlägt sich mit Hilfsarbeiterdiensten durchs Leben, lernt die Liebe kennen und stirbt am Ende des Buches. Das alles geschieht auf knapp 200 dünn beschriebenen Seiten und ist eine schöne Geschichte, die man gemütlich an einem Abend wegnaschen kann.

Aber halt, wieso ist das eine schöne Geschichte? Was gefällt mir an einem schweigsamen Mann, der sich entbehrungsreich durch ein Leben in der Natur kämpft? Eigentlich finde ich doch das Leben in der Natur gar nicht so toll – außer im Urlaub mit den dazugehörigen angenehmen Seiten wie Wellness, Frühstücksbüffet und Kingsize-Bett mit Flatscreen an der gegenüberliegenden Wand. Und schweigsame Menschen muss ich auch nicht um mich haben, ganz im Gegenteil, ich will reden und zuhören und diskutieren und austauschen. Obendrein sind mir Menschen ohne Bücher im Zweifelsfall eher suspekt, denn oft sind das Menschen ohne noch eine ganze Menge anderer Eigenschaften, wie Esprit, Kultur, Meinung, Ideen oder einfach Neugierde. Und die können mir gut und gern gestohlen bleiben.

Also lieber Herr Seethaler: Das Buch ist klasse geschrieben, die Sprache ein Gedicht. Und die Geschichte hat mich auch fasziniert und gefesselt von der ersten bis zur letzten Seite. – Mein Thema ist das trotzdem nicht und ich will auch nicht zurück in die Natur und auch kein Naturbursche werden und finde das alles auch überhaupt nicht nachahmenswert und sehne mich auch nicht danach. Und: Nein, ich werde mir definitiv keinen Schrebergarten zulegen, auch wenn das derzeit alle Menschen in meinem Umfeld hier in Berlin tun! Ein Garten ist toll, wenn ich darin einen Liegestuhl und ein danebenstehendes Tischchen mit Drink und ein paar Keksen darauf und einem Stapel Bücher darunter sehe. Bitte verschont mich mit Unkrautjäten und Rasenmähen und Heckenschneiden und was-nicht-noch-alles! Ich liebe die Großstadt, das Geschwätz und alles, was ich dort finden kann, die Häuser mit ihren Kinos und Museen und Theatern und Cafés und Spelunken!

Richard-Ford_Frank

Lakonien ist in Griechenland – doch der Großmeister lebt in den USA

Wenn man vierundvierzig ist und ein sarkastischer Bastard, dann wird man mit achtundsechzig entweder zum Glauben gefunden haben und lammfromm, lieb und langweilig sein, oder man wird zum Großmeister des lakonischen Kommentierens. Meine Damen und Herren, wir präsentieren den voll ausgereiften Frank Bascombe.

Nachdem ich zuletzt – versehentlich – den Pulitzerpreistitel „Unabhängigkeitstag“ von Richard Ford gelesen und lieben gelernt hatte, war ich ausreichend angefixt, mir auch die neuste Veröffentlichung dieses Autors vor die Lesebrille zu stellen: „Frank“, frisch erschienen und vom Umfang nur ein Drittel des erstgenannten Buches. Frank ist jetzt schon länger verheiratet – mit der Frau, die im Unabhängigkeitstag seine Freundin ist, wobei sie da eher den Status der On-and-Off-Freundin hatte – und genießt das Leben als Rentner. Er hat Begegnungen mit Menschen auf der Suche nach der eigenen Vergangenheit oder direkt aus seiner Vergangenheit. Das ist eins der großen Themen, der Tod ein anderes. So räumt er freundestechnisch in seinem Leben auf und „trennt“ sich von unnötigem Ballast (was er übrigens auch bei seinem Vokabular macht und eine große Anzahl unanständiger Ausdrücke ausmustert). Denn: „Wenn man alt wird, (…) lebt man sowieso weitgehend inmitten der Anhäufungen seines Lebens. Es passiert nicht mehr viel, außer an der medizinischen Front. Da empfehle ich Rückbau.“

Außerdem macht er sich so seine Gedanken über das Leben, den Alltag und andere Dinge: „Wenn man wüsste, was genau Frauen attraktiv macht, wäre alles ganz, ganz anders.“ Wer kann dem nicht zustimmen?

Am Ende hat er ein Gespräch mit dem schwarzen Öllieferanten eines alten Freundes, den er auf der Straße trifft. Der berichtet ihm, dass er jetzt spanisch lernt, da in seiner Gemeinde so viele Menschen sind, die kein Englisch können. Und mit dem Gespräch ist der Tag gerettet, wie er feststellt. Und das Buch zu Ende. Und ich habe jetzt gespoilert, oder? Dabei gibt es in diesem Buch nichts zu verraten, denn es gibt nichts aufzudecken. Außer: Das Leben ist schön, auch wenn nicht viel passiert! Für alle, die es nicht gewusst haben.